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historisches

Nicht Blech reden - Blech blasen

Die Posaunenchöre in der evangelischen Kirche

Die folgenden Zeilen sollen Ihnen einen knappen Überblick über die Entstehung und die 150-jährige Entwicklung der evangelischen Posaunenchöre in Deutschland geben. Die Posaunenbewegung ist allerdings nicht auf Deutschland beschränkt, sondern von hier aus in weite Bereiche der internationalen evangelischen Kirchen vorgedrungen, so daß die geschilderten Entwicklungen auch Einfluß auf die kirchenmusikalische Arbeit insbesondere in Afrika und Südamerika hatten und haben.

Angefangen hat alles im kleinen. Aus dem Rheinland sind Berichte bekannt, in denen schon um 1770 von Posaunen zur Verkündigung Gottes Wort zu hören ist. Auf einem Pfarrhausboden in einem sächsischen Dorf fanden sich unter allerlei Gerümpel vier Naturtrompeten aus den Jahren 1750 bis 1770.

Ebenfalls aus Sachsen ist bekannt, daß sich 1766 fünf "Häußler und Weber" zusammentaten, Posaunen kauften und auf eigene Rechnung das Blasen erlernten, damit "die Sache selbst Gott zu Ehren und der hiesigen Kirche zu Ruhm gereiche".

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen in vielen Orten "Posaunistenchöre", die sich mit ihrer Namensgebung wohl an die Posaunen von Jericho anlehnten, so daß Luther mit seiner Form der Bibelübersetzung den "Posaunen"chor theologisch quasi vorweggenommen hatte.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht in Ostwestfalen (Ravensberger Land) die sogenannte Erweckungsbewegung und gewinnt schnell viele Menschen. Bald gibt es ein Problem; die Kirchen werden zu klein. Beim Gottesdienst im Freien aber fehlt die Orgel. Also kommt man auf den Gedanken, eine transportable Orgel in Gestalt von Blechbläsern einzusetzen. Das ist eine Gründungsstunde der Posaunenchöre.

In Gemeinden Westfalens, Sachsens, des Rheinlandes und auch in Hessen erscheinen die ersten Bläsergruppen heutiger Prägung. So läßt sich das Wirken von Posaunenchören in Kassel bis 1880 zurückverfolgen. Namentlich wird 1883 der CVJM-Posaunenchor Kassel Wolfsschlucht erwähnt.

Auch in Rhoden soll bereits 1889 ein Posaunenchor gegründet worden sein. Über diesen Chor ist heute wenig bekannt. Unmittelbare schriftliche Aufzeichnungen existieren überhaupt nicht. Der einzige Beleg für die Existenz dieses frühen Posaunenchores besteht in dessen Erwähnung durch den Pfarrer Eisenberg in einem Fragebogen der Landeskirche aus dem Jahr 1964. Der Pfarrer beruft sich hierbei auf eine Mitteilung des damals 89-jährigen Schreinermeisters Theodor Grineisen.

 

Politisch waren die Posaunenchöre immer treue Teile der evangelischen Kirchen. In den ersten Jahrzehnten waren die führenden Persönlichkeiten in der Regel in den monarchistischen oder nationalistischen Lagern verwurzelt, was auch immer wieder in der Außendarstellung (Kaiserhuldigungen) zum Ausdruck kam und auch die innere Organisation prägte.

Später machte der Druck der Nationalsozialisten auch vor den Posaunenchören und ihren Verbänden nicht halt. Vielfach wurden Chöre und Verbände gezwungen, sich in den vom NS-Staat gegründeten Verband Evangelischer Posaunenchöre (VEP) einzugliedern oder sich aufzulösen. Ohne Mitgliedschaft im VEP waren keine öffentlichen Auftritte möglich.

Nach dem Kriege blühte in vielen Posaunenwerken und Verbänden die Bläserarbeit wieder auf und ist heute aus dem kirchlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Für die Posaunenchöre existiert ein breites Betätigungsfeld, bei dem neben Kurrendeblasen, Einsätzen in Altenheimen und Krankenhäusern, Konzerten und Ständchen der Einsatz im Gottesdienst eine zentrale Aufgabe darstellt.

 

Zu den Gründungsvätern und Wegbereitern der heute existierenden evangelischen Posaunenmusik werden die beiden Kuhlos (Vater Eduard und Sohn Johannes, letzterer wird 1881 mit 25 Jahren auf einem Bläsertreffen in Hannover zum "Posaunengeneral" ernannt), beides Pastoren und zumindest zeitweise in der Bielefelder Gegend tätig. Das von Johannes Kuhlo entwickelte Chormodell und die von ihm geschaffene bzw. in der Nachfolge seines Vaters herausgegebene Literatur für Posaunenchöre ist damals die Grundlage der musikalischen Arbeit in den sich gründenden Posaunenchören. In seinen Notenbüchern findet sich alles von Tonleitern und einfachen Anfängerstücken über einfache Begleitsätze für Choräle bis zu anspruchsvolleren, fast schon konzertanten, Chorsätzen.

Nicht zuletzt setzt Johannes Kuhlo mit seiner hier manifestierten Anfängerausbildung eine in der Welt der Blechbläser einzigartige Verbindung von Bezeichnung, Griff- und Schreibweise durch, die aus den in der Regel eingesetzten B-Instrumenten praktisch nicht transponierende C-Instrumente macht (man möge mir hier die stark vereinfachende Darstellung der posaunenchor-spezifischen Problematik der C-Notation für B-Instrumente verzeihen). Dies hat in der täglichen Arbeit den erheblichen praktischen Vorteil, daß Bläser, Chöre und Orgel die gleiche Literatur benutzen können, führt aber gleichzeitig dazu, daß die Mitglieder der Posaunenchöre nur unter erheblichen Schwierigkeiten in weltlichen Orchestern oder auch Musikschulen Musik machen oder unterrichtet werden können. Johannes Kuhlo war sich auch dieses zweiten Effektes durchaus bewußt und begrüßte eine solche Abgrenzung, um seine Bläser auf die kirchliche Posaunenarbeit zu beschränken; "... die Trompeter sollen dem Posaunenchor nicht abtrünnig werden und sich aus christlichem Umfeld ins verlockende weltliche nicht absetzen können ...". Diese Abgrenzung führt aber auch dazu, daß Bläser mit einer außerkirchlichen Ausbildung nur schwer Zugang zu evangelischen Posaunenchören finden.

Bis heute trennt diese besondere Spielweise die evangelischen Posaunenchöre vom gesamten Rest der Blechbläserwelt.

 

Noch vor 25 Jahren bestand (auch in unserem Chor) die Anfängerausbildung häufig im wesentlichen aus einer Grundeinweisung in das Instrument und die Spielweise, unter ausschließlicher Nutzung der vorhandenen, erstmalig von Kuhlo herausgegebenen, allgemeinen Notenbücher mit den darin enthaltenen Anfängerstücken und Zusammenstellungen von Tonleitern (der sogenannte 1. Band). Erst in den letzten 20 Jahren setzten sich durch die Arbeit und mit Hilfe der verschiedenen Landesposaunenwerke allmählich andere Ausbildungsmethoden und auch eine andere kirchliche Posaunenmusik bis in die kleineren Chöre durch, wodurch die Arbeiten der Kuhlos wenn nicht verdrängt, so doch in erheblichem Umfang ergänzt wurden.

Das Repertoire der Posaunenchöre bestand zunächst nur aus Choralsätzen und einfachen Volksliedern, wobei die Blastechnik allgemein durch eine gesanglich-weiche Vortragsweise gekennzeichnet war. Heute ist in der eingesetzten Literatur nahezu alles zu finden, was mit Blechblasinstrumenten umgesetzt werden kann, wobei der Schwerpunkt natürlich weiterhin auf der evangelischen Kirchenmusik liegt.

Den Posaunenchören steht heute eine Vielzahl von Bearbeitungen zur Verfügung. So lassen sich für jede Aufgabe auch passende Kompositionen aller Epochen vom Choral über Intraden, freie Bläsermusiken, neue geistliche Lieder und Spirituals bis zur Volksmusik finden.

In Deutschland gibt es derzeit annähernd 7.000 evangelische Posaunenchöre, die sich (dem Himmel sei es gedankt) in ihrer Zusammensetzung gegenüber den Gründungschören deutlich verändert haben. Wurden anfangs nur geprüft-fromme junge Männer in die Posaunenchöre aufgenommen und wurden mit den Chören alt, spielen heute schon bis zu 50% Mädchen und Frauen in den Chören und ein Drittel der Mitspieler ist unter 30 Jahren alt.

 

Lit.: W. Ehmann, Tibilustrium, Das geistliche Blasen, Formen und Reformen, 1950; - Ders., Das Bläserspiel, in: Leiturgia IV, 1961, 806-855; - Ders., Der Bläserchor, Besinnung und Aufgabe, 1969; - Ders., Protokollbuch der Gaukonferenzen und Gauversammlungen der Jünglings-, Posaunen- und Jungfrauenvereine von Minden-Ravensberg und der abgrenzenden Lande, in: Ders., Voce et Tuba, Ges. Reden und Aufsätze, 1976, 490-535; - Ders., 100 Jahre Kuhlo-Posaunenbuch, in: Der Kirchenmusiker 32, 1981, 152-156; - M. Büttner, Studien zur Geschichte der Trompete, 1953; - W. Mergenthaler u.a. Handreichung für Posaunenbläser, 1964; - H. Ludwig, Johannes Kuhlo, Der Posaunengeneral, 1966; - L. Thomas, Trompete oder Flügelhorn, in: Singet dem Herrn 51, 1970; - W. Duwe, Walter Duwe erinnert sich, in: Der Chorleiter 26, 1980, 17-30; - G. Habicht, Versuch einer Darstellung der Blasmusik in Vergangenheit und Gegenwart, 1982; - Winkler/Dignus, Bläserarbeit im Wandel, FS zum 75jährigen Bestehen des BCPD, 1984; - W. Auhagen, Der Einfluß der Romantik auf die Bläserliteratur Eduard und Johannes Kuhlos, in: Der Chorleiter 31, 1985, 10-12, 17-23, 33-38; - M. Wolfram, Adolf Müller, Der Vater der Posaunenmission, 1985; - H. D. Schlemm, Versuch einer Geschichte der Bläserausbildung bei den Posaunenchören Deutschlands, 1986; - W. Stursberg, Glauben, Wagen, Handeln, Eine Geschichte der CVJM-Bewegung, 1987 (3. Aufl.); - W. Schnabel, Quo vadis, Posaunenchorbewegung, in: Posaunenchor 1, 1988, 33-41, 70-79; - W. Ehmann, Johannes Kuhlo, in: RGG (3. Auflage) 87 und Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon.