Wolle – vom Schaf bis zum Pullover
Der Beruf des Schäfers war hart und war gar nicht so romantisch, wie man sich das heute gemeinhin vorstellt. Einzelheiten können sie aus den folgenden Darstellungen entnehmen.
Der Beruf des Hirten geht sicher auf die Nomaden zurück, die mit ihren Herden durch
das Land zogen, bevor die Menschen seßhaft wurden. Auch in der Bibel wird oft
von Hirten berichtet.
Heute findet man nur noch ganz wenige Schäfer, die ihre Herde mit Hunden in der
Gemarkung hüten. Den Städtern sind solche Bilder völlig fremd, die, bis in die Zeit nach
dem zweiten Weltkrieg, fast jedem geläufig waren. Die damaligen Menschen
verstanden noch, was gemeint war, wenn von Jesus entsprechende Gleichnisse zur
Verdeutlichung seiner Aussagen gebraucht wurden. Aber jetzt wieder zurück zur
Rhoder Geschichte der Schäferei bis in die neuere Zeit, die noch gar nicht so lange
Vergangenheit ist, sich aber immerhin fast 4 Jahrhunderte durch schriftliche Belege
zurück verfolgen läßt.
Vorbemerkung:
Dieses Thema gibt viel mehr her, als ich mir das bei Beginn der Recherchen vorgestellt
habe. Zumal wir hier in Rhoden Belege einer „Schäfferey ordnung“ von 22. August
1622, also 4 Jahre nach Beginn des 30-jährigen Krieges, haben. Der Inhalt dieser -
„Satzung“ - würde man heute sagen - ist so interessant, daß es der Mühe wert ist, sie
neu zu veröffentlichen; auch wenn es mir eigentlich weit über mein eigentliches Ziel –
„platte Ausdrücke auszugraben“ – hinaus geht. Die damalige Schriftsprache, wie sie mit
dem Wortlaut der „Schäfferey ordnung“ überliefert ist, ist damals bestimmt etwas
Besonderes gewesen, wo man hier nur Platt gesprochen hat und nicht alle Leute lesen und schreiben konnten.
Man kann das aus dem Text der „Articul so die Schäffers angehen“ schließen, denn
dort heißt es wörtlich:
„Diese Articul sollen allemahl denen Schäffers vorgelesen werden, wenn Sie gemiethet und
angenommen werden, damit Sie keine Entschuldigung haben und so Sie gegen einen oder
andern Articul handeln sollen, sollen Sie gebührend abgestrafft werden“.
Ob die damaligen Schäfer den Inhalt der Vorschriften auch verstanden haben, wenn er
in dem damaligen Deutsch vorgelesen wurde, ist zweifelhaft. Es könnte aber auch so
gewesen sein, das der „Vorleser“ den Text sofort in die damalige Umgangssprache –
also das Rhoder Platt – übersetzt hat.
Neben diesen sprachlichen Aspekten, ist es auch aus Sicht der Rhoder Ortsgeschichte
ein sinnvolle Abrundung und Vervollständigung des Themas.
Der nachstehende Text ist eine Abschrift des von Dr. Martin verfaßten Artikels, den mir
Friedrich Hübel zur Verfügung gestellt hat; ihm sei herzlich gedankt. Gemeinsam haben
wir beide uns bemüht, den Text wort- und buchstabengetreu abzuschreiben. Es ist gar
nicht so einfach, „richtig“ - - „falsch“ zu schreiben. Wegen der zum Teil undeutlichen
Kopie kann sich, trotz zweimaliger Korrekturlesung durch Friedrich Hübel, der ein oder
andere Fehler eingeschlichen haben; deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn sich das ein
oder andere Wort als falsch abgeschrieben erkannt werden sollte.
Da Dr. Martin bereits seine Erklärungen und manchmal auch Fragezeichen, in runden
Klammern ( xy ) gesetzt hat, werde ich, wo es mir zum heutigen Verständnis notwendig
erscheint, meine Anmerkungen, Erklärungen bzw. auch Fragen durch geschweifte
Klammern { xy } kenntlich machen. Die von Dr. Martin bereits übernommenen
Original-Texte stehen in Anführungszeichen „unten und oben“, sind von mir zusätzlich
kursiv, aber in der alten Schreibweise übernommen.
Nun die vollständige Abschrift des Artikels:
Die Rhoder „Schäfferey ordnung“ von 1715
Von Dr. Bernhard Martin
Durch die gütige Vermittlung des Herrn Bürgermeisters Haase in Rhoden ist mir das
alte Protokollbuch der Schäferei-Genossenschaft zugänglich geworden. Den
eigentlichen Protokollen und Rechnungen ist vorgebunden die
„Schäfferey ordnung wie sie am 22. Aug. 1622 von denen sämtlichen Schaffherren
damahlen beschlossen, jetzo wegen einiger Mißverständnisse wieder revidiret
auch einige nöthige Articul erläutert und von denen sämbtlichen interessenten zu
steter und vester haltung unterschrieben worden, so geschehen Rhoden den
20ten Martii 1715.“
Auf dem Buchdeckel steht innen die Bemerkung: „Zweites Buch Abschrift aus dem
Ersten Buche vom 18ten August 1622“. Man darf also wohl schließen, daß die Articuli in
ihrem wesentlichen Inhalt auf ältere zurückgehen, und daß sich die Revision von 1715
nur auf Neufassung und Erläuterung strittiger Punkte erstreckte. Von dem alten Buche
habe ich bisher noch keine Spur entdecken können. Die moderne Verkoppelung hat,
soviel ich höre, mit den alten Rechten der Pfirchgenossenschft ein Ende gemacht. Die
neue Zeit schreitet ja leicht über altehrwürdig Ueberkommenes hinweg. Mit der Schäferei und ihren alten Bräuchen ist damit ein im Volksleben tief eingewurzeltes Stück mittelalterlicher Wirtschafsgliederung geschwunden. Wie oft hat mir in meiner Jugend der alte Nachbar neckend versprochen,
„Du sii stille, gäist auk midde, wänn Schoapwasken iß sast auk de Säipe
drägen!“ {Du sei still, gehst auch mit, wenn Schafwaschen ist, sollst auch die Seife tragen - - das ist
wohl scherzhaft gemeint gewesen }
Wie bin ich interessiert mitgelaufen, wenn der Zug der Schafherrn mit Musik durch die
Straßen zog zum Teich wo dann die Schafe gewaschen wurden. Das ist
jahrhundertelang so gewesen, wie das alte Protokollbuch ausweist. Die
Schäfereigenossenschaft war gewissermaßen die Zunft der Ackerleute, die im Leben
der Stadt eine große Rolle spielte, Auch das läßt sich aus der Mitgliederliste erkennen.
So sei die alte Ordnung nun hier abgedruckt. Erklärende Bemerkungen füge ich in
Klammern bei.
Nach der obigen Überschrift fährt die Handschrift fort:
„S 3 (S 2 leer) Demnach die gesamte Schaffherren dato aus gewißen und
nohtigen motiven ihre deliberationes (Beratungen) gehalten, so sind diese Articul
/: laut alten Buchs :/ wieder beliebet, und mit genehmhaltung der gantzen
Schäfferey, wegen Vermeidung künfftiger Unordnung mit
allerselbsteigenhändlicher unterschrifft confiermiret und gut geheißen worden, so
geschehen Rhoden den 20 Martij 1715
Art. 1. Wer ab – oder anstehen will, derselbe soll solches auf den negstfolgenden
Sontag nach Michaelis thun, und soll sechzehen Morgen Landes überall
Erb-Eigentümblich in (Nutz ?) und Gebrauch haben.
2. Wer anstehen will, soll auf gemelten Tag Sechzehen Schaffe haben, welch ihm
eigen zugehören, und keinesweges von andern die Schaffe in den Pirch borgen.
Unter diesen sechzehen Schafffen sollen Sechs melcke Schaffe sein beneben
zwey Hürden und soll solche gleich denen Vorstehern der Schäfferey und wei (sen
?) Die Sechs melcke Schaffe auf Meytag n (....?) Derselbe soll nicht befugt sein
die Schaffe zu melcken.
{offensichtlich bzw. evtl. hat man damals auch Milchschafe gehabt !! ??}
Wer nur 3 melcke Schaffe hat, demselben (ist ?) allemahl- einmahl zu melcken
vorb(oten ?)
Wenn ein Generalsterben unter die Schaffe kombt, so kann dieser Articul
moderiret (abgeändert) werden, wie solches anno 1635 und 16(8)4 geschehen, da
der halt selbige Jahre auf 10 Stück moderiret worden, weilen viele Schafe an den
blattern gestorben, noch vollendetem Jahre aber muß ein jeder seinen völligen
Halt wieder in den Pirch verschaffen, oder der Schäfferey beraubt sein. Es soll
auch hinführo Keine Hürde unter zehen Schue oder fünff Ellen in der Länge
angenommen werden
{ wenn man eine Elle ca. 0,55 m rechnet, wären die Hürden damals ca. 2,75 m
lang gewesen}
bey Straffe 4 gr. (Groschen) und wann die Hürden sollen ausgefahren werden, soll
solches drei Tage vorhero bestellet werden. Wer alsdann nach verflossener Zeit
seine Hürden vor dem Thore denen Vorstehern nicht zeigt, derselbe soll vor jede
Hürde 4 gr. Straffe erlegen und sogleich darauf exequiret (von ihm eingezogen)
werden, und sollen die Vorstehere fest auf diesen Articul halten, oder vor jede
mangelnde Hürde die Straffe selber erlegen, und der Schäfferey gerechnen, und
soll jedesmahl mit der Straffe fortgefahren werden , so offte die Hürden gewiesen
werden. Sollte Jemand der Exekution sich widersetzen, so soll selbiger die
(Hür)den 7 Nachl (..... ausgelöscht ! ) selbiem, oder folgenen (Tag ?) an Ihn
kommen möchten Verlustig und der Schäfferey verlassen seyn.
3. Ein jeder Schaffherr soll auch hirmit verfplichtet sein innerhalb sechs Jahren
nicht wieder abzustehen oder wo Er vor der Zeit abstehet, der Schäfferey mit
Sechs Thlr. verfallen sein, es wäre denn, daß der Ehegatten einer mit dem Todte
abginge, und der bleibende Theil die Schäfferey nicht erhalten könnte, soll
diese(m) die Halbscheid moderiret (nachgelassen) werden.
4. Soll derjenige so an der Schäfferey nach dem alten Gebrauch und
Hehrkommen wann er abstehet, nicht macht haben, innerhalb 6 Jahren wieder
anzustehen.
5. Wer mit anstehen will, soll eins vor(aus ?) Sechs Reichsthaler geben, wie
solches schon anno 1666 verglichen worden, hingegen soll Er auch sogleich den
Pirch, wann es auch den folgenden Tag wäre, (wann ?) es ihm die Riege und das
Glück bringen würde, zu genießen haben..
6. Wenn einen Ursach (fehlt ein Stück !) der Schäfferey abgesetzet wird, so (soll
er ?) innerhalb dreyen Jahren nicht Macht haben wieder anzustehen, und so Er
wieder anstehen will, soll Er dieselbe aufs neue mit Sechs Thlr. gewinnen.
7. Wann die Riege einem die Hürden bringet, so soll der Jenige auff einmahl sein
Gebühr gäntzlich auslegern, wo nicht soll ihm nach der Hard seine übrige, und
restirende nächte gäntzlich abgeschnitten seyn, es seye dann daß Er wegen des
Vielen gesömmerten, nicht bey seine länder kommen könne, kann dieses sogleich
denen Vorstehern angezeiget, und dem befind nach moderiret werden, und soll
sich Keiner so der Schäfferey zugethan unter was Vorwandt es auch immer seyn
möchte, unterstehen, eine nacht weiter zu lägern, alß ihm gebühret, ohne consens
(Einwilligung) der Vorsteher der Schäfferey ob schon die Schäffer darum wüsten,
bey Straffe vor jeder nacht eines Ohm {damals ein Hohlmaß} Biers, wie es vor alters
schon abgestraffet worden. (S. 7. Scheinbar später neu abgeschrieben !) Wann auch die
Vorsteher nach ihrem eigenen Gestä (ndnis ?) der Schäferey unnöthige Kosten gemacht
oder sonsten etwas an Hütten und Eimer angewendet, soll ihnen hinführo nicht gestattet
werden, sich selber mit dem Pirch zumahlen wenn er am besten bezahlt zu machen,
sondern dieses soll gäntzlich abgeschaffet seyn und solle etwas zu bauen (= instandsetzen)
nöthig seyn, sollen sie solches der Schäferey vortragen und von einem jeden sein
Contingend einfordern, sollte ein oder der sich dagegen apponiren (widersetzen) oder mit
der Zahlung saumhaftig seyn, selbigen sogleich exequiren lassen es wäre dann, daß die
gesamte Schäferey einige Nachte Pirch zu verkaufen bewilligt.
8. Ein jeder so mit an der Schäferey, soll vor St. Galli (16. Oktober) sieben nachte
Pfirchen nach St. Galli vor dem Winter acht Nachte nach Martini Exiscopi (11.
November) neun Nachte, und wann die Lämmer herausgesetzet seyn, drey
Nachte vor zwey ihme gelägert und gestattet werden, und wann die Galli Nacht
fällt solte es gleich die letzte Nacht auf Galli Tag seyn, soll ihn doch die folgende
nehmlich 8te Nacht zu lägern gestattet werden, selbigen Verstand hat auch mit
Martini Nacht. {wer weiß, was diese Regelung für einen Hintergrund hat?}
9.Wer in den Höfen vor oder nach dem Winter lägern will soll derjenige so mit an
der Schäferey ist, von einer Nacht erlegen ein halb kopstück, welcher aber nicht
mit an der Schäferey, soll von einer Nacht erlegen ein Kopstück, welches dann die
Vorsteher in Rechung bringen sollen. {wer in der Schäferei-Genossenschaft Mitglied
war, mußte 1/2 Kopfstück; wer nicht Mitglied war, mußte 1 Kopfstück bezahlen}
10. Bey dem Schafwaschen soll nicht mehr alß 1 Rthlr. 9 mgr. Consumiret
(verzehrt) werden, würden die Vorsteher ein mehreres darreichen, soll ihnen
nichts daran gutgethan werden.
{mit anderen Worten, die Vorsteher durften das festgesetzte Limit für die Feier
anläßlich der Schafswäsche nicht überziehen, es sei denn, sie bezahlten es aus
eigener Tasche}
11. Die Vorsteher sollen zur Nachricht bey ihrer Rechnung verzeichen, in welchem
Jahre ein oder ander ab oder ansteht.
12. Wer seinen vollkommenen Halt nicht hat, selbigen soll /: wie vor Alters
geschehen :/ vor 3 mangelnde Schaafe eine Nacht Pirch abgezogen werden und
zwar an beyden Ställen (Ende der neu abgeschriebenen Seite !)
{man mag daraus erkennen, was eine Nacht Pirch, damals wert war. Hatte ein
Schafherr drei Schafe zu wenig, schon wurde für eine Nacht Pferch bzw. die
Hürden, würde man heute sagen, abgezogen}
13. Die Hürden und der Halt der (Schafherren ?) sollen Jährlich 3 mahl auf
erfordern der Vorsteher gezeiget werden, welcher alsdann nicht erscheinet, oder
durch einen andern bevollmächtigten seine Hürden zeigen läst, selbiger soll umb 6
gr. gestraffet werden.
14. Diese Ordnung soll alle Jahr Sontags nach Michaelis (29. September) denen
sämtlichen Schafherrn von denen Vorstehern vorgelesen werden, damit die neu
anstehende wegen dieser Verordnung keine entschuldigung haben.
15.Auch soll diese Verordnung jeder Zeit bey denen Vorstehren der Schäfferey in
Verwahrung bleiben, daß wo etwa sich ein mangel eräügnen (die alte Form zu
„ereignen“) solte hieraus nachricht zu haben daß man nach diesen Articuln die
Sache richten und schlichten könne.
16. Auff Mariae Verkündigung sollen järlich neuer Vorstehere Verordnet und
angest(ellt) werden, und sollen die alten Vorstehere selbiges Tages ihre
Rechnung vom vorigen Jahre ablegen, im säumungsfalle (und ? ) in Ermangelung
der Rechnung sollen die Vorstehere jeder in einen thaler Straffe verfallen sein,
auch keine doppelte Kosten derowegen der Schäfferey machen, und ihr Ausgaben
sofort mit quitungen belegen (von hier an andere Hand) Weilen an diesem
Festdage die Rechnung nicht wohl abgeleget werden könne, so ist beliebet
worden den folgenden Werkdag darzu zu nehmen. {Die Vorsteher wurden also
jährlich neu bestellt. Hatten sie ihre Abrechnung nicht in Ordnung, wurden sie mit einem
Thaler ganz schön happig bestraft. War die Rechnung an dem Tage nicht abschließend zu
überprüfen, durfte der nächste Werktag dazu genommen werden.}
17. In unterhaltung eines Stadt Bähren (heute baiere = Eber) gemeiner Stadt zum
Besten sollen drey Nachte von jedem Stalle, zwischen Johanni (24. Juni) und
Jacobi (25. Juli) gelagert werden, und soll diese Zeit von denen Vorstehern in acht
genommen werden, damit keine unordnung daraus entstehet.
{Der Satz Nr. 17 ist so zu interpretieren: „Die Bauern, die einen Eber für die
Gemeinde halten, bekommen zusätzlich drei Nächte die Hürden, zwischen dem
24. Juli und 25. Juli, auf ihren Feldern aufgeschlagen. Damit daraus keine
Unordnung entsteht, sollen die Vorsteher besonders darauf acht geben“. Ob das
nun jeder Eber-Halter ausnutzen konnte, ist unwahrscheinlich, weil in dieser Zeit
alle Felder bestellt waren. Es konnten zwischen Johanni (24. Juni) und Jacobi (25.
Juli) also nur die Brachflächen mit Pirch gedüngt werden}
18. Die 4 Nachte so die Vorstehere vor ihre mühe haben item (ebenso) die 2
nachte so der Stadt Diener vor das bestellen bekombt sollen Sie nicht ehender
genießen, biß man völlig zur Gersten ausgelegert hat.
19. Denen Schäffern wird einem Jeden 2 Nachtläger von dem Melcken Stalle
gegeben, an Statt der 4 Maas Tran, so sie vor diesen zu Schmierunge der Schaffe
bekommen, und können Sie selbige Nutzen wann der völlige May Pirch vorbey.
20. Wer sich in ein Hauß verheyrathet, worbei dieses Privilegium der Schafferey
stehet, soll ein Erkäntnüs von einem halben Thaler denen Vorstehern zu
entrichten schuldig seyn, und soll dieses mit berechnet werden (andere Hand). Ein
Haus Sohn aber, welcher nach der Eltern Todte die Schäfferey fortsetzen will, soll
zur Erkändnüs 9 Pfg. geben.
21. Den beyden Haubt Schäffern soll von jedem interessenten 2 Schaffe und 2
Lämmer des Winters gefuttert werden. Auch soll jeder interessent ihnen zu Kost
Korn geben 8 spindt Roggen und 2 spind Gersten; wann aber die Zahl über 40
sich erstrecket fält das übrige Korn der Schäfferey anheimb, hingegen sollen die
beyden Haubt Schäffer dem Melken Schäffer Sieben Thlr. Geldlohn geben.
{Der Hintergrund dieser Regelung mit den Begriffen „Haupt- und Melkenschäfer
kann wie folgt erklärt werden: „Es waren in den Herden immer Schafe, deren
Lämmer verendet waren. Diese Schafe wurden dann von den Melkenschäfer
gemolken; die Milch wurde für die Lämmeraufzucht genutzt. Das war nun mal
zusätzliche, schwere Arbeit und die mußten die beiden Hauptschäfer dem
Melkenschäfer mit 7 Thalern bezahlen.}
22. Auch soll dem Melcken Schäffer anstatt von Kost von einem jeden 2 spint
Roggen und 1 spint gersten, auch 20 Schaffe des weiteren gefüttert werden.
Dagegen soll Er auch (ver ? ) bunden sein, die Melcken Schaafe ( ..... )lings so
anders es sich thun läst zum ( ...... )sten hinaus zum Wasser zu bringen, daß sie
daran keinen Mangel leyden. Noch soll Er zu genießen haben, von dreyen Tagen
die Milch nemblich auf Petri u. Pauli auf ( ..... ? ) u. auff Bartholomaei tag; wird Er
aber auff diese Tage nicht melken soll Er der Milch (verlustig ? ) seyn.
{Die vorstehenden Bestimmungen waren Rechte und Pflichten, die die Schafherren
betrafen. Die nachstehenden Bestimmungen regelten die Rechte und Pflichten sowie die
Entlohnung der Schäfer}
Articul so die Schäffer angehen.
Die Schäffer sollen im Frühlinge frühzeitig in der Pirch treiben, und von einem jeden Schafhern, die Schaffe empfangen und den Herbst so viel wiederlieffern, alß Er empfangen oder ein wahrzeichen bringen.
Die Schäffer sollen einem Jeden interessenten die Hürden schlagen ohne einig wiedersprechen.
Die Schäffer sollen achtung auf die Hürden haben, und wenn etwas daran zerbrochen solches demjenigen, welchem sie gehören ansagen, daß Er sie wieder mache, geschieht solches in 3 oder 4 Tagen nicht, sollen Sie es den Vorstehern der Schäfferey anzeigen, damit diejenigen gebührend davor abgestraffet werden, und zwar (........ ?) vor jede Hürde ümb 4 gl.
So viele Schaffe denen Schäffern von denen sämbtlichen Schaffherrn des winters gefuttert werden, sollen Sie auch des Sommers in Pirch behalten, daß ihre melcken Schaffe mit gemolcken werden und nicht an frembde örter in die weide bringen, in ermangelung derselben vor jedes Schaff 3 g. zur Straffe erlegen.
Die Schäffers sollen verbunden sein, daß Sie achtung auf das Pirchen haben, auch auf das melcken, damit kein Unterschleiff geschehe und 14 Tage vor Michael mit dem melcken aufhören, es treffe dan wers wolle, und solches den Vorstehern anzeigen, denselben auch die SchaffEymers alsobald wieder überliffern, bey straffe eines halben thalers.
Die Schäffers sollen den Herbst so lange hüten, alß sie hüten können.
Die Schäffers sollen des Frühlinges, Sommers oder Herbstes wegen ungestümmen wetters nicht eine nacht, ohne daß Sie es stündlich denen Vorsteheren anzeigen, aus den Hürden bleiben, bey Straffe eines Thalers umbdaß nichts unterschlagen werde.
{Die Schäfer müssen wohl auch damals schon eine Hütte oder evtl. eine Art Zelt gehabt
haben, damit sie, einigermaßen wettergeschützt, bei den Hürden übernachten konnten}
Den Winter sollen die Schäffer alle wochen die Ställe fleißig vistieren, und auf die Schaffe achtung haben, daß Sie wohl geschmieret werden, und nicht in Grund verderben. {Hintergrund dieser Regelung: Wenn Schafe im Winter im Stall stehen, ist die Infektionsgefahr bezüglich Hufkrankheiten sehr groß. Deshalb wurden die Hufe wöchentlich eingeschmiert. Wer weiß, womit geschmiert wurde?
Des winters sollen die Schäffer die Schaffe gleich anfangs alle Tage börnen (zum Born bringen){tränken}, und wenn kein tieffer Schnee vorhanden, sollen Sie die Schaffe an die Heyde treiben.
Diese Articul sollen allemahl denen Schäffers vorgelesen werden, wenn Sie gemiethet und angenommen werden, damit Sie keine Entschuldigung haben und so Sie gegen einen oder andern Articul handeln sollen, solten Sie gebührend abgestrafft werden.
Damit nun künfftig alle unordnungen der Schäfferey verhütet werden, alß ist von
denen sämbtlichen Schafherrn beliebet worden, daß wofern die Vorstehere der Schäfferey nicht besser, wie bißhero geschehen, ob diesen hierin vereinbahrten Articuln steif und fest halten, daß die Säumigen und wiederspenstigen gebührent abgestraffet werden, Sie die Vorstehere solche Straffe zu erlegen selber schuldig seyn sollen. Zu wahrer uhrkunt, und fester Haltung dessen haben sich die sämbtlichen Schaffherren unterschreiben, so geschehen Rhoden den 29ten Mai 1715.
{Es sind folgende Schafherren aufgeführt, die offensichtlich die „Articul“ (heute würden
man das als Satzung bezeichnen) unterschrieben haben}
- Henrich Christian Uffeln
- Joh. Ludewig Suden,
- V. Jeremias Alberti nachgelasene Witbe,
- B. Henricus Wüsten,
- B. Botterwecken,
- Vor daß Haus auf der Neustadt,
- Jeremias Schreiber,
- Johann Phillipp Weber,
- Johan Adam Bracht,
- Johann Friedrich Hase,
- Joh. Conrad Richter Junior,
- Henricus Klauß,
- Jürgen Klauß,
- Christo Klauß,
- Conrad Diederich Gerken,
- Johann Philipp Herbold,
- Jost ( ??)
- Adam Oelberg
- Tonies Ochsen,
- Toniges Clauß
- Hermann Frielen,
- Johann Henrich Wilken,
- Johann Henrich Frilen,
- Johann Jürgen Grineisen Nahmens der Mutter,
- Johann Otto Grieneisen,
- Johan Henrich Heßen,
- Joh. Otto Grineisen for d. and. Hauß
- Im nahmen meiner schwiger Nolten Christop Haaße,
- Johann Henrich Ladagen,
- Johann Henrich Kratz pro funken
- Joh. Hen. Krantz pro potthoff,
- Henricus Nolten,
- Philippus Stuten,
- Hernricus Herboldt in namen Müler,
- Johannes Wüesten,
- Henrich Klusener,
- Johann Jost Plücker,
- Philip Vin (??)
- 1719 Am (Adam ?)
- 1724 Johannes Lamodt ao 1735 Joh. Fridrich Schreiber.
Auf instandt derer zeitigen Schäfferey Vorsteher, um vorgesetzten puncten gerichtlich
zu confirmiren, sind selbige nach vorhergegangener reifflicher Erwegung mit
angehangtem unserem gemeinen Stadt-Insiegel wohlwisentlich bekräfftiget worden, so
geschehen Rhoden, den 30ten Dec. 1715.
(Siegel ) Bürgermeister und Raht daselbst
Henrich Schristian Uffeln p. f. Consul.
- Soweit die Schäfereiordnung. -
Dr. Martin hat die folgenden Punkte mit der Bemerkung:
„Aus den Protokollen und Rechnungen seien noch folgende, für die Geschichte
der Stadt und der Schäferei wichtige Tatsachen hinzugefügt“.
{die nachstehenden Punkte sind zusätzlich mit in der chronologischen Auflistung der
wichtigsten Schäferei-Daten an anderer, späterer Stelle integriert}
∙ 1717 Michaelis, teilt sich die Schäferei in drei Teile. Bei der Abstimmung darüber war
das Stimmverhältnis für und gegen 27 : 17. Die 17 Gegner wollten keine Teilung in drei
gleiche Teile; so blieben sie mit dem Schäfer Johan Jost Plücker allein, die übrigen 24
teilten sich in zwei Gruppen zu je 12 Berechtigten.
∙ 1750 wird dem Pastor Crantz der Eintritt in die Genossenschaft verwehrt, weil er nicht
eigene Schafe hat und keine 16 Morgen Land, und weil er sich nicht mit den
Schafherrn abgefunden hat.
∙ 1761 ist Johann Henrich Lamotte Vorsteher gewesen, wegen der Kriegs Troublen
aber, wodurch die Schaaf-Herrn um das Vieh gekommen, ist die Schäferey in diesem
Jahre liegen geblieben. Zu Michaelis Tag aber 1762 wieder in vorigen Gang gebracht
worden..
∙ 1798 (27.3.) wird der Beschluß gefaßt,Aufseher bei der Wäsche und beim Bier zu
bestellen. Diese heißen von 1839 – 1866 Schmecker oder Bierschmecker nachher
Aufseher. Die letzten Aufseher waren Johannes Gercke und Witwe Adam Lamotte
1874.
∙ 1849 gibt es einen „Herrn Polizeyinspektor Götte“. Wieweit es sich hier um eine
vorübergehende Größe handelt, kann ich nicht feststellen.
{dieser Herr Götte ist in 1852 im Alter von 43 Jahren gestorben}
∙ 1740 wird , sobag accisse und bier accisse erwähnt. 1831 wird ein neues Schafbuch
angeschafft bei Buchbinder Ockel für 30 gr.
∙ 1835 wird ein „Erlaubnis Schein zum Tansen 6 gr. 3 Pfg“. unter den Ausgaben
angegeben.
Es wäre interessant zu erfahren, ob in anderen Städten oder Dörfern ähnliche
Genossenschaften bestanden haben und ob davon noch Nachrichten erhalten sind.
Soweit der Artikel von Dr. Martin; er ist sehr aufschlußreich, jedoch ist er für meine
Generation nicht mehr in allen Teilen verständlich. Die Sprache und auch die Schrift waren eine
ganz andere.
Wer mir noch zusätzliche Erklärungen zu den von mir in {geschweiften Klammern}
eingefügten Anmerkungen oder Fragen sagen kann, der möge mich bitte anrufen.
Danke im voraus.
Chronologische Auflistung der wichtigsten Schäferei-Daten:
Friedrich Hübel hat sich, als Sohn des letzten Kassierers der Rhoder Schäfergenossenschaft, mit dem Thema befaßt und einen Bericht erstellt, der bereits 1985 im Anzeiger „Die Diemelstadt“ veröffentlicht wurde.
Als Vervollständigung dieser Arbeitsbeschreibung und zur übersichtlichen chronologischen Auflistung der wichtigsten Rhoder Schäferei-Daten sind die Fakten aus dem Artikel von Prof. Dr. Martin und dem Bericht von Friedrich Hübel nachstehend zusammengestellt. Heinrich Bodenhausen hat mir einen Auszug aus dem Salbuch des Grafen Otto IV von Waldeck zur Verfügung gestellt. Dieser Graf ist 1495 verstorben.
Salbücher wurden damals geschrieben um die Rechte und Pflichten der Untertanen zu dokumentieren.
Das genaue Datum der Entstehung des Salbuches ist nicht bekannt. Man vermutet die Zeit von 1485 bis 1494. Ein Eintrag, der sich auf die Schäferei bezieht, ist so interessant, daß ich ihn in der nachstehenden zeitlichen Auflistung an erster Stelle im Urtext und mit entsprechender Erklärung übernommen wurde.
Der folgende erste Absatz mit Erklärung aus dem Salbuch des Grafen Otto IV von
Waldeck wurde mir von Heinrich Bodenhausen zur Verfügung gestellt.
1485 – 1494 .......e Schapesdryfft to Roden hort vff dat gemelte Slotz vtgenommen eyne fryge Schapesdryffr dar mede sint de van Roden van den Herren
begenadeget we sus ..... der anders dar eff in dem gemelten ampte eyne eygen Schapedryfft haben will ----- nehemet se van dem Slotz oder Herrschaff Rodenynde gyfft dar van Sestich ..... hepenkese iharlix eyne Hamel vnde eyn Laem .....
Übersetzung:
Alle Schafstriften (Herden, Huteberechtigungen) zu Rhoden gehörenauf das genannte Schloß, ausgenommen eine freie Schafstrift, damit sine die von Rhoden von dem Herren begnadigt, wer sonst aber ander da oder in dem genannten Amt eine eigene Schafstrift haben will, der nimmt sie von dem Schloß oder Herrschaft Rhoden und gibt davon sechzig Schafskäse, jährlich einen Hammel und ein Lamm.
22.08.1622 – Der 30-jährige Krieg hat 1618 begonnen. Es entsteht die erste
Schäferei-Genossenschaft in Rhoden. Das erste Schafbuch und damit die
ersten Aufzeichnungen hat bereits Dr. Martin nicht finden können. Es beinhaltete
Aufzeichnungen vom 18. Aug. 1922 bis 20. März 1715
11.11.1715 – 20ten Martii 1715 steht geschrieben, wird die “Schäfferey ordnung” wie sie am 22. August 1622 beschlossen wurde, wegen einiger Mißverständnisse
wieder “revidiret” und “nöthige Articul erläutert”. Die erste Satzung wird also überarbeitet und um die damals nötigen Bestimmungen oder Paragraphen – würde man heute sagen - ergänzt. Dieses zweite Schafbuch ist noch vorhanden, es beginnt mit Aufzeichnungen ab 20. März 1715, am 29. Mai 1715 unterschreiben die Schafherrn die Satzung und am am 30. Dezember des gleichen Jahres wird sie vom Bürgermeister und Rat “nach reifflicher Erwegung und angehangtem Stadt-Insiegel wohlwisentlich bekräfftiget worden” d. h. sie wurde unterschrieben und gesiegelt. Damit wurde die Satzung wahrscheinlich in Kraft gesetzt.
29.09.1717 – zu Michaeli wurde die Genossenschaft in drei Genossenschaften geteilt, Abstimmung: 27 für und 17 gegen eine Aufteilung. Die Gegner wollten keine
Teilung in drei gleiche Teile; so blieben sie mit dem Schäfer Johan Jost Plücker
allein; die übrigen 24 teilten sich in zwei Gruppen zu je 12 berechtigten.
1740 *) – wird , sobag accisse {saft Sorte} und bier accisse erwähnt.(was ist damit gemeint?)-*) Steht auch nachfolgend als Hinweis von Dr. Martin Aus den Protokollen und Rechnungen seien noch folgende, für die Geschichte der Stadt und er Schäferei wichtige Tatsachen hinzugefügt.
1750 *) wird dem Pastor Crantz der Eintritt in die Genossenschaft verwehrt, weil er nicht eigene Schafe hat und keine 16 Morgen Land, und weil er sich nicht mit den
Schafherrn abgefunden hat.
1761 *) – ist Johann Henrich Lamotte Vorsteher gewesen, wegen der Kriegs Troublen aber, wodurch die Schaaf-Herrn um das Vieh gekommen, ist die Schäferey in diesem
Jahre liegen geblieben. Zu Michaelis Tag aber 1762 wieder in vorigen Gang gebracht worden..
1769 – Klage von Nachkommen verstorbener Genossen (Ehefrau bzw. Sohn) wieder Genossenschaftsmitglied zu werden.
27.03.1798 *) – 1798 (27.3.) wird der Beschluß gefaßt, Aufseher bei der Wäsche und beim Bier zu bestellen. Diese heißen von 1839 – 1866 Schmecker oder Bierschmecker nachher Aufseher. Die letzten Aufseher waren Johannes Gercke und Witwe Adam Lamotte1874.
1820 – Klage von Nachkommen verstorbener Genossen (Ehefrau bzw. Sohn) wieder Genossenschaftsmitglied zu werden.
1831 *) –wird ein neues Schafbuch angeschafft bei Buchbinder Ockel für 30 gr.
25.03.1832 – „Das vorige Buch unseres Consortiums ist wegen Länge der Zeit und Nachrechnungen zu Ende geschrieben und unbrauchbar geworden. Das jetzt bestehende Schafsconsortium hat die alten Satzungen übernommen, genehmigt und hiermit handschirftlich unterzeichnet. Rhoden, den 25. März 1832
1835 *) – wird ein “Erlaubnis Schein zum Tansen 6 gr. 3 Pfg”. unter den Ausgaben angegeben.
1837 – beginnen die Aufzeichnungen von einem anderen Schafbuch {die Bücher wurden nicht durchnummeriert !} und werden lückenlos bis 1915 (erster Weltkrieg) geführt.
1849 *) – gibt es einen “Herrn Polizeyinspektor Götte”. Wieweit es sich hier um eine vorübergehende Größe handelt, kann ich nicht feststellen.
22.10.1873 – Das dritte Schafbuch (und evtl. auch noch weitere Schafbücher) ist bei dem großen Stadtbrand am 22. Oktober 1873 im Hause des damaligen
Schafsvorstehers, Anton Schulze in der Oberen Straße verbrannt. {Text wird als Handschrift noch in den Bericht eingefügt}
1874 – Als Ersatz wurde ein neues Buch mit dem Titel „Schäferei Ordnung“ angelegt. Es wurden sämtliche Rechte und Pflichten aus dem verbrannten Buch übernommen. 14 Mitglieder zählte die Genossenschaft damals.
1915 – 1941 kam die genossenschaftliche Schäferei zum Erliegen. Es wurden aber große Schafherden von Schäfern privat gehalten.
1941 – wurde wieder genossenschaftlich Schafzucht betrieben. Die Nazis hatten kriegsbedingt verfügt, daß die Bauern Wolle erzeugen mußten, weil für den Rußlandfeldzug im zweiten Weltkrieg Wollsachen benötigt wurden.
18.04.1948 – Also kurz vor der Währungsreform, wird die Genossenschaft II gegründet. Es sind ca. 50 Mitglieder in der neuen Genossenschaft.
16.04.1955 – Wegen starken Mitgliederschwund schließen sich die beiden Rhoder
Genossenschaften wieder zusammen.
1977 – beschließen die letzten 6 Mitglieder die Schäferreigenossenschaft aufzulösen. Zitat aus dem letzten Protokoll: „Möge nun der Welt eine neue Notlage erspart bleiben. Hoffen wir, daß AUS DIESER Situation die Genossenschaft nicht noch einmal ins Leben gerufen werden muß.“
Soweit die Historie in Stichworten über die Rhoder Schäfereigenossenschaften
Nun folgt das, was wir im Arbeitskreis zusammengetragen und erfragt haben.
Die interessanten „platten“ Ausdrücke werden, wie bisher üblich in Mundart geschrieben
und nach einem Gedankenstrich sofort in der Schriftsprache wiederholt bzw. durch
Umschreibung erklärt.
Es ist auch dieses mal wieder meine Bitte, wie bei den bisher veröffentlichten
Arbeitsbeschreibungen üblich, mich anzurufen, wenn etwas nicht richtig dargestellt
wurde, oder wenn mit weiteren Informationen eine solche Beschreibung vervollständigt
und abgerundet wird. Insbesondere interessieren mich natürlich die plattdeutschen
Ausdrücke, die noch fehlen bzw. nicht eingearbeitet sind, aber früher in dem
Zusammenhang üblich waren und angewendet wurden.
Zwischenbemerkung:
Als die bäuerliche Landwirtschaft noch überwiegend selbstversorgend = autark betrieben wurde, gehörten auf einen Hof ganz selbstverständlich auch Schafe, denn man benötigte die Wolle der Tiere um warme Sachen – wie Strickjacken, Pullover, Armstouken – Pulswärmer, Lijbekens – Leibchens, Strümpe – Strümpfe usw. selbst zu stricken. Geld war knapp und alle Frauen konnten stricken, um so, insbesondere
Anziehsachen für Kinder selbst zu fertigen. Besonders ekelig war es, wenn man als Kind lange selbstgestrickte Strümpfe anziehen mußte und die „Biester“ kratzten dann so gemein, daß die Haut an den Beinen gerötet
war. Um solche neuen Strümpfe einigermaßen tragbar zu machen und innen zu glätten, wurden sie häufig über ein Litermaß gezogen. Aber bis man so ein Paar Strümpfe oder einen Pullover anziehen konnte, mußte ja so einiges geschehen. Die Einzelheiten sollen nun nachstehend beschrieben werden.
Vorab aber noch ein Sinnspruch:
Douben un Dijke maaket kinnen Bouern rijke,
Immen un Schkôôpe kummet im Schlôôpe. -
Tauben und Teiche machen keinen Bauern reich,
Bienen und Schafe kommen im Schlafe.
Die Angaben zu der Schkeiperigge - Schäferei sind erfragt von Frau Bärbel Wütig –
Tochter des Schäfermeisters Brücher aus Helmighausen –
und Herrn Heinrich Römer in Rhoden, der selbst den Beruf des Schäfers erlernt hat.
Dessen Lehrmeister war Karl Frese aus Hörle.
Die Organisation der Schäferei
Die Bauern in den Dörfern und Kleinstädten hatten in der Regel alle etwa 10 bis 20
Schafe. Weil nicht jeder Bauer seine Schafe selbst hüten konnte, hatten sich in Rhoden
Genossenschaften gebildet. gab es sogar zeitweise drei Schäferei-Genossenschaften
mit den entsprechenden Satzungen In Rhoden
Der Text einer alten Satzung, damals „Schäfferey ordnung“, wurde bereits an dieser Stelle
ab Ausgabe-Nr. 8/2004 veröffentlicht (siehe oben). Die Satzungen, Rechnungen und alles was mit
der Schäferei zu tun hatte, wurde in sogenannten Schäferladen, das waren die
Zunftladen der Schäfergenossenschaften, verwahrt. Ein Bild von der älteren Zunftlade
(1811) wurde bereits in der Ausgabe 12/2004 an dieser Stelle veröffentlicht. Es gibt eine
weitere Zunftlade mit der Jahreszahl 1874.
Zunftladen waren verschließbar und mit entsprechenden handgearbeiteten Schlössern
versehen. In dem Deckel ist von oben ein Profil vom Schaf als Einlegearbeit in einer
helleren Holzart eingearbeitet. In der Deckel-Innenseite ist bei der jüngeren Lade, die
Jahreszahl 1874 auf der Innenseite des Deckels eingeschnitzt und eingebrannt. Bei
beiden Schäferladen ist die Deckeloberseite mit einem Schaf in einer helleren Holzart
als Einlegearbeit dekoriert. Siehe nachstehendes Foto.
Die folgenden speziellen Angaben beziehen sich auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg; sie
sind von Heinrich Römer erfragt.
Als Genossenschaftsbeitrag bezahlte jedes Mitglied nach der Währungsreform von
1948 anfangs 9,-- DM für ein Schaf und 3,-- DM für ein Lamm.
Die Schäfer waren bei diesen Genossenschaften angestellt und wurden deshalb auch
von diesen entlohnt. Ein Schäfer bekam als Monatslohn 100,-- DM
Natürlich hatte so ein Schäfer auch eigene Schafe, die dann, gemeinsam gehütet, in
der Herde mitliefen.
Damit es in der Herde keine Inzucht gab, mußte jährlich der Schafsbock gewechselt
werden. Der Vorstand der jeweiligen Schäferei-Genossenschaft war dafür zuständig,
jährlich einen neuen Schafsbock zu kaufen. Der alte Bock wurde weiterverkauft oder
geschlachtet.
Bokkgäld – Bockgeld brauchten die Genossen nicht zu bezahlen, mit dem
Gemeinschafskauf des Bocks war die Sache geregelt.
Genossenschafts-Versammlung
Einmal im Jahr wurde eine Genossenschafts-Versammlung abgehalten, bei der dann auch u. a. vereinbart wurde, wer und wie lange ein Bauer dee Höören – die Hürden oder die Pferche auf seinen Feldern aufgeschlagen bekam. Die Pferche waren sehr beliebt auf den Ländereien, weil damit eine kostenlose Düngung verbunden war. Mineraldünger gab es im 19. Jahrhundert noch nicht. Als dann Anfang des 20. Jahrhunderts, aufgrund der Forschungen von Justus Liebig, die Möglichkeit bestand, Mineraldünger einzusetzen, war er relativ teuer.
Somit war es auch zeitweise üblich, daß die Pferche in diesen Versammlungen ausgeboten wurden damit die Länder eine zusätzliche Düngung erhielten.
Damals wurden 30,-- DM für einen Morgen Schafsdüngung bezahlt. Eine Herde von 350 bis 400 Schafen düngte in vier Nächten etwa einen Morgen Land. (2500 qm)
So eine Genossenschafts-Versammlung war eine feste und stets willkommene Einrichtung im Ablauf des Jahres, denn dann wurden auf Kosten der Genossenschaftskasse ein paar Runden getrunken
Preis- oder Leistungshüten wurde auch einmal im Jahr im Herbst, wenn die Felder „offen waren“, veranstaltet. Es wurde aber überregional auf Kreisebene organisiert. Der Schäfer mußte dann mit seiner Herde und seinen Hütehunden bestimmte Aufgaben erfüllen, z. B. nur auf einer bestimmten Stelle oder einem Weg entlang hüten und am Schluß die Schafe wieder einpferchen.
Zum Abschluß vom Preis- oder Leistungshüten wurde gefeiert. Es gab es dann einen sogenannten Schäferball.
Der Schäfer mit seiner Herde:
Der Beruf des Schäfers war in den früheren Jahrhunderten ein Lehrberuf wie jeder andere. Drei Jahre betrug die übliche Lehrzeit bei einem Schäfermeister. Die Schäfer waren meist alle wetter- und pflanzenkundig. Ein Griff in die Wolle am lebenden Schaf sagte dem Schäfer mehr als die damaligen Wetterberichte.
Zur Ausrüstung gehörte:
Wetterfeste Kleidung Filzhut, Umhang, Manchester-Hose, Gamaschen, Lederschuhe, Umhängetasche für Brot und Feldflasche, und ggf. noch einen Krückstock.
Das Handwerkszeug eines Schäfers zum Hüten war der Schkeiperhaaken –Schäferhaken oder Schäferschüppe und ein scharfes Taschenmesser, damit er zumindest das nötigste in Sachen Klauenpflege machen konnte .
Zum Scheren der Schafe natürlich eine Schafsschere und wenn ein Schäfer Wulle kammen – Wolle kämmen konnte, ein Satz Wollkämme.
Zur Ausrüstung eines Schäfers gehörten weiterhin:
∙ De Höören un Höörenpööle – Hürden und Hürdenpfähle, und ne Holtschlage – großer
Holzhammer.
Die Höören waren Lattengestelle ca. 3,5 bis 4 m lang und 1 m hoch mit einer entsprechenden Längs-Verstrebung und einem starken Drahtbügel an einem Ende. De Höörenpôôl – der Hürdenpfahl wurde durch diese Drahtschlaufe gesteckt und in den Boden geschlagen. Die jeweils folgende Hürde wurde ebenfalls mit befestigt.
Davon hatte jeder Schäfer genügend, damit er seine Herde über Nacht „einpferchen“ konnte. Der Begriff ist heute noch gebräuchlich, meistens aber in einem anderen Zusammenhang.  |
Mit diesen Teilen wurden de Höören – die Hürden, also ein Pferch abgezäunt, der dann Dach für Dach füreschlagen – Tag für Tag vorgeschlagen, d. h. neu an anderer Stelle aufgeschlagen werden mußte.
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∙ Eine fahrbare, einachsige Schkeiperhütte – Schäferhütte. Diese war eisenbereift und ansonsten ganz einfach aus Holz konstruiert. Das Dach, im Querschnitt ein Segmentbogen, war mit Blech beschlagen. Die spärliche Innenausstattung war eine Bank, ein kleiner Tisch und eine Schlafstätte.
Das Hüten:
Eine Schkôôpheere – Schafherde so zu führen und zu leiten, daß die Tiere nur dort fressen, wo es dee Schkeiper - der Schäfer gestattet, ist schon ein Kunststück für sich. Ohne gut ausgebildete Hunde ist auch ein Schäfer seinen Schafen gegenüber machtlos. Man stelle sich einmal vor, was das für einen Ärger gegeben hätte, wenn, bei
den vormals kargen Ernten, ein bestelltes Feld (junge Saat oder Rüben) einfach abgefressen worden wäre. Die Schafe fressen von Natur aus immer die schmackhaftesten Pflanzen und die standen auf den bestellten Feldern. Entlang von
Ackerland gab es keine Zäune, nur Kämpe - Weiden waren innetüjnt - eingezäunt.
Hütehunde:
Eine frei laufende Schafherde kann man nur mit Hilfe von ausgebildeten Hütehunden „in Schach halten“. Diese mußten auf´s Wort hören und alle Kommandos sofort ausführen. Damals natürlich alle in Platt wie z. B.:
∙ Gäjste in dee Fôôre – gehst du in die Furche.
Dann lief der Hund entlang der Furche und sorgte dafür, daß die Schafe nicht auf den angrenzenden Feldern grasten.
∙ Gôô dôôfür – geh davor.
Dann lief der Hund vor die Herde und hielt die Schafe auf, damit sie nicht zu schnell voran gingen und das Gras entlang des Weges kürzer abfraßen.
∙ Gôô doôhinger – geh dahinter.
Dann lief der Hund hinter die Herde und sorgte dafür das auch die langsamen, meist lahmenden Tiere, mitkamen.
Das Sprichwort: Dee lästen bijtet de Hunde – die letzten beißen die Hunde hat wohl hier seinen Ursprung.
Auch die Schafe kannten mit der Zeit die Kommandos und gingen dann schon entsprechend bevor der Hund zur Stelle war.
Einen Hund so auszubilden, daß er als Hütehund zu gebrauchen ist, war auch die Aufgabe eines Schäfers.
Man konnte nicht jeden Hund ausbilden, denn eine Grundvoraussetzung war, er mußte bijten – beißen. Wenn er das nicht machte gingen die Schafe auf den Hund los und somit war er als Hütehund nicht geeignet.
Wenn dann ein Hund zu arg zubiß, bekam er de Tjänne stümpet - die Zähne stumpf gemacht, denn die Schafe sollten keine Bißwunden davontragen.
Sollte ein junger Hund ausgebildet werden, so ging er anfangs nur an der Leine mit dem Schäfer. So konnte der Hund beobachten, was der bzw. die älteren Hunde aufgrund der Kommandos machten. Er lernte sozusagen vom „Affkukken – Abgucken“.
Was solche Hütehunde leisten mußten, läßt sich nur schwerlich erahnen. Wie oft diese Tiere an der Herde entlang laufen mußten und wie viel Kilometer sie an einem normalen Hütetag gelaufen sind, hat wohl noch kein Mensch näher untersucht. Die Hunde waren meistens schkreff – mager, denn sie konnten bei der Laufleistung kein Fett ansetzten. Sie bekamen damals auch kein besonders Hundefutter, sondern sie fraßen das, was man üblicherweise den Schweinen auch gab. Als Zusatz-Nahrung war es üblich den Hunden ein Stück ganz ausgetrocknetes Brot mitzunehmen – das fraßen
die Hunde gern. Wenn der Hund mal krank war hatte er meist de Schkijterigge – Scheißerei = Durchfall.
Die Schafherde übers Jahr
Im Frühjahr je nach Witterung, etwa ab Mitte März zog der Schäfer mit der Herde (mit seinen und den Genossenschafts-Tieren) das erste mal raus.
Es war eine Redensart:
Gertrud gäjt datt Schkôôp mit djem Lamme rout.
Gertrud (17. März) geht das Schaf mit dem Lamme raus.
(Hätte der Sattler und Landwirt Karl Christian Friedrich Meyer, Opa von Theo Meyer dem Schäfer Heinrich Römer im Frühjahr immer gesagt)
Kennzeichnung der Schafe
Bevor die Schafe im Frühjahr mit der Herde gingen wurden sie gezeichnet, damit man sie entsprechend auseinanderhalten konnte und jeder Bauer im Herbst seine Schafe wieder bekam.
Zur Kennzeichnung nahm man meistens Ölfarbe und manchmal auch Mennige. Die Art der Zeichen war unterschiedlich; manchen Bauern genügte ein oder zwei Punkt-Tupfer an einer bestimmten Stelle auf dem Rücken der Tiere; andere machten ein oder zwei Buchstaben als Erkennungszeichen. Die von der Farbe durchtränkte Wolle war aber unbrauchbar; sie mußte beim Scheren aussortiert werden.
Es gab aber zusätzlich noch besondere Kennzeichnungs-Stifte in verschiedenen Farben zu kaufen. Diese sogenannte Rötel-Farbstifte verdarben nicht die Wolle, dafür färbten sie aber nicht dauerhaft, d. h. die Tieren mußten dann von Zeit zu Zeit nach-gekennzeichnet werden.
In jüngerer Zeit bekamen die Schafe auch Ohrmarken, damit waren sie dann in jedem Fall dauerhaft gekennzeichnet.
Die Schafherde im Frühjahr:
Der Schäfer durfte im Frühjahr vor der Vegetationsperiode nur einmal bis zum 15. April auf Wiesen und Weiden hüten, denn Kühe fressen nicht da, wo Schafe gegangen sind.
Die ersten Wochen im Frühjahr wurden die Schafe die mit ihren jungen Lämmern morgens raus gelassen und vom Schäfer abgeholt. Sie kamen abends zurück in den „Heimat-Stall“. Der Schäfer zog deshalb mit seiner Herde wieder zurück in die Stadt / Dorf. Die Tiere wußten jeweils ihre Stallungen und trennten sich von der Herde, wenn sie an den entsprechenden Häusern / Höfen vorbei kam. Sie gingen besonders gern dort hin zurück, wenn sie dann abends etwas besonderes als Futter bekamen, z. B. Rüben oder ungeschrotene Hafer.
Je nach Witterung, so etwa ab Anfang April, blieben dann die Schafe über Nacht draußen in den Höören – Hürden = Pferchen; in den alten Urkunden nannte man die Hürden „Pirch“. Die so über Nacht zusammengepferchten Schafe düngten die Stelle durch ihren Urin und Kot besonders gut, deshalb wurden die Pferche dann täglich füreschlagen – vorgeschlagen.
Der Bauer, auf dessen Land die Hürden aufgeschlagen werden sollten, mußte die
Schkeiperhütte – Schäferhütte; mit samt den Hürden jeweils an den Ort und Stelle fahren.
Auf einer geackerten Fläche durften auch keine Hürden aufgeschlagen werden, denn wenn ein Schaf in einer Fôôre – Furche zwischen groben Pälten – Schollen zu liegen kommt, kommt es ohne fremde Hilfe nicht wieder auf die Beine. Das Land mußte immer geeggt sein, wenn die Pferche aufgeschlagen werden sollten.
Diese Art des Einpferchens konnte man nur bei relativ trockenem Wetter machen, denn bei nassem Wetter wurde der Acker stark verdichtet bzw. die Grasnarbe einer Wiese oder Weide so zertreten, daß der Schaden größer war als der Nutzen. Aus diesem Grund hatte jeder Schäfer eine oder mehrere Stellen, meist Unland (heute Magerrasen), eine Scheune oder auch einen überdachten Schuppen, wo er die Schafe über Nacht einpferchen konnte, damit sie bei nasser Witterung auf Stroh Mist machten.
Wenn man sagte: „dee Schkeiper jett outesatt – der Schäfer hat ausgesetzt“ meinte man, daß er bei entsprechend feuchter Witterung die Schafe nicht auf dem vereinbarten Land über Nacht in den Hürden ließ, sondern an eine günstigere Stidde e tjoggen woor - Stelle gezogen war.
Die Schafe fraßen Tounrijn wörtlich Zaunrain = Klettenlabkraut (?)
und Widdewingen - Ackerwinde (Convolvulus arvensis) nicht gern.
Tounrijn blieb auch als einzige Pflanze bei den Schafen in der Wolle hängen.
Schkôôpswäske – Schafswäsche (Das Waschen der Schafe)
Schafe werden Anfang bis Mitte Mai geschoren. Bis zum zweiten Weltkrieg war es
üblich die Wolle am Schaf zu waschen, bevor die Schafe geschoren wurden.
Die Schafswäsche war in früheren Jahrhunderten ein besonders Fest im Jahresablauf.
Lt. Prof. Dr. Martin zog man damals mit Musik zur Schafswäsche. (siehe den Artikel
über die „Schäfferey ordnung“)
Die Schafe wurden von den jungen Mädchen gewaschen. Anschließend gab es
dann ein Fest zu dem dann auch die jungen Männer eingeladen wurden.
Es hat mir bisher noch keiner sagen können, ob der Begriff „Schäferstündchen“ hiermit
in Zusammenhang zu bringen wäre oder wann und wo der geprägt wurde. Als
Ausdruck im Platt ist er mir nicht bekannt.
In Rhoden waren Schkôôpswäsken – Schafswäschen „upp der Helle – auf der
Helle,
im Nidderen Dijke - im Niederen Teiche, im Bürgmäjsterdijk -im Bürgermeisterteich und
im Gröneken“.
(siehe Plan der Schäferwege)
Nach den Schilderungen muß das eine Art Bohlensteg gewesen sein, der durch den
Teich gelegt wurde. Auf dem dann die Schafe so geführt wurden, daß sie halb im
Wasser standen. Dann wurde mit Drücken und Kneten die Wolle am Schaf so lange
bearbeitet bis de Mülm – der Staub einigermaßen sauber ausgewaschen war. De
Klüngeln vam Ääse – der eingetrocknete Kot vom Hinterteil der Schafe wurde mit der
verklebten Wolle abgeschnitten. Anschließend wurden die Schafe geschoren, wenn sie
wieder abgetrocknet waren.
Zu seiner Zeit, so berichtet Heinrich Römer, wurden die Schafe nicht mehr gewaschen
bevor sie geschoren wurden.
Allerdings wurden die Tiere einmal im Jahr in einem größeren Behälter, einer großen
Holzwanne oder dergl. mit einer Lösung gegen Läuse behandelt. Das Wasser für diese
Behandlung wurde angewärmt. Das geschah dann meistens auf dem Gut
Billinghausen. Dort kamen nach Absprache alle Schäfer aus der Umgebung mit ihren
Herden an um sie entsprechend behandeln zu lassen.
Schafe scheren:
Wenn es zeitlich paßte, wurde oft Pfingst-Samstag mit dem Schafscheren begonnen.
Ein Schaf zu scheren, ist gar nicht so einfach. Das Schaf muß eine gewisse Haltung –
uppet Krüjße läägen - auf das Kreuz legen – einnehmen, sonst kann man das Tier nicht
halten.
Hatte man den Knijpp – Kniff nicht raus, ließ sich kein Schaf scheren. Bevor es die elektrischen Schafscheren gab, mußte die gesamte Wolle mit einer Handschere abgeschoren werden. Eine anstrengende Arbeit über 2 bis 3Tage, denn eine Herde von ca. 350 Schafen war nicht in einem Tage zu schaffen. Meistens wurde dann noch Verstärkung angefordert, damit es etwa 4 bis 5 Mann waren und das Scheren entsprechend schneller ging.
Ein geübter Schäfer allein schaffte es nicht, an einem Tag nicht mehr als 25 Tiere von Hand zu scheren; das war dann schon eine gute Leistung. Als die elektrischen Schermaschinen aufkamen konnte ein Schäfer bis zu 100 Schafe an Tag scheren.
Schafwolle hat eine natürliche Fettigkeit. Je fetter die Wolle ist, um so besser läßt sie sich scheren. Ein Schaf hat ca. 4 bis 5 Pfund Wolle am Körper.
Die „geerntete“ Wolle von den Schafen eines Eigentümers wurde, als
Abrechnungsgrundlage, enzeln e wigggen - einzeln gewogen.
Die gesamte geschkôôrene Wulle - geschorene Wolle wurde dann ohne weitere
Behandlung in besonders große Wollsäcke gestopft. Diese wurden zugenäht und an die
sogenannte Wollverwertung in Paderborn nach Gewicht verkauft.
Es soll sogar eine Zeit üblich gewesen sein, da wurde die Wolle öffentlich versteigert.
Einige der Schafhalter behielten auch die Wolle von ein bis zwei Schafen zum eigenen
Gebrauch für sich zurück. (Verarbeitung - siehe Wolle täjsen und kammen – später an
dieser Stelle)
Das „Schafe-scheren“ war für die Schäfer immer ein Fest. Es gab dazu reichlich Alkohol und auch mal Schnittwunden bei den Schafen.
 | Das nebenstehende Bild zeigt Anton Pieper mit seinen Berufskollegen bei einer Scher-Vorführung. |
Die Schafe nach dem Scheren
Nach dem Schafescheren kam dann die sprichwörtliche Schkôôpskülle – Schafskälte
im Mai, meistens bis zum Ende des Monats.
Waren die Schafe geschoren so wurden sie die ersten 2 Wochen abends wieder in
einer Scheune untergebracht. Se morret ees widder n Himmed annhabben, wänn se
teboutene blijben sollt. – Sie müssen erst wieder ein Hemd an haben, wenn sie (nachts)
draußen bleiben sollen; war eine Redensart der Schäfer.
Wenn es im Mai dann mal ausgesprochen schönes, sonniges Wetter war, mußte der
Schäfer darauf achten, daß die Schafe das Fell nicht verbrannten. Die frische
geschorenen Schafe konnten also auch einen Sonnenbrand bekommen. Andererseits
sollten die frisch geschorenen Schafe auch nicht unbedingt sofort Graupel- und
Regenschauern ausgesetzt werden, damit sie nicht krank wurden.
Die Schafe im Sommer
Man muß wissen, daß damals während der Vegetationszeit neben den Unlandflächen -
Brachflächen am Quast, auf der Hute oder am Grööneken in der Regel nur die
Schkeiperwääge – Schäferwege abgehütet werden durften; das waren dann die Gräben
und die Ränder der Haupt-Wirtschaftswege Die Schäfergenossenschaft mußte sogar
für diese Wege Pacht zahlen.
Die reinen Gras- oder Wendewege, vor allen die, die keinen Seitengraben hatten,
waren zu der Zeit auch an Klein- oder Ziegenbauern verpachtet und durften deshalb
nicht abgehütet werden.
(Siehe Plan „Schäferwege“; wurde in der vorigen Ausgabe in sehr guter Qualität der an dieser Stelle abgedruckt)
Etwas anderes war es, wenn ein Bauer ein Stück Land brach liegen ließ. Dann sagte der „Datt habbe ik für djen Schkeiper liggen lôôten – das habe ich für den Schäfer
liegen gelassen. Hier konnten die Schafe dann das ganze Jahr über weiden. Das kam aber äußerst selten vor, denn es wurden die Flächen möglichst intensiv genutzt – bei den geringen Ernten war die Nachfrage an Nahrungsmitteln meist größer als der Ertrag.
Anmerkung:
Man muß sich das einmal bewußt machen, wie auch das letzte Stückchen Grünfläche genutzt und damit auch gepflegt wurde. Wegeränder, Gräben und Graswege brauchten nicht gemäht oder gemulcht werden.
Die Artenvielfalt auf solchen Flächen, und denen von Magerrasen- oder Feuchtgebieten, blieb damit auf Dauer erhalten. Heute beschäftigt man schon wieder die Schäfer unter dem Stichwort „Vertragsnaturschutz“, damit diese besonders für bedrohte Pflanzen wertvollen Gebiete, auch in unserer Gemarkung, nicht verloren gehen.
Viele von den Pflanzen, die auf der „Roten Liste“ stehen, sind „Kulturfolger“. D. h. Sie können nur dauerhaft überleben, wenn sie, und die umstehenden Pflanzen auf natürliche Weise verbissen, und damit kurz gehalten werden. Eine Verbuschung muß in jedem Fall verhindert werden, damit diese gefährdeten Pflanzen nicht ganz verschwinden.
Schafe müssen auch getränkt werden. Da gab es bestimmte Stellen in der Gemarkung,
die als Schafstränke geeignet waren (in dem Plan von den Schäferwegen sind auch
Schafstränken markiert)
Die Schafe im Herbst:
Diese eingeschränkten Hütemöglichkeiten bestanden so lange, bis die ersten Getreidefelder abgeerntet wurden. Dann zog der Schäfer auch über die Stoppelfelder, wenn nicht ein besonderes Zeichen des Bauern das Abhüten untersagte. Ein Häägewisk – örtlich Hegewisch, das war een Strauwisk – Strohwisch an einen Plokk – Pflock gebunden oder auch ein belaubter Ast auf das Feld gesteckt bedeutete für den Schäfer: „Mit der Herde von diesem Feld wegbleiben“ weil z. B. Klee unter den Hafer gesät worden war. Machmal bekam auch der Schäfer eine Aufforderung vom Bauern der dann sagte:
„Tee môô jöbber datt Land mit djer Kleihabere, dôômidde sik de Müjse ni so vermäärt. – Zieh mal über das Feld mit dem Kleehafer, damit die Mäuse sich nicht so vermehren“. Es war wohl eine Erfahrung, daß sich die Mäuse unter einer Grünschicht Klee besonders gut vermehrten, insbesondere dann, wenn viele Haferkerne beim „Abmachen“ ausgefallen waren. Dann gab es genug Nahrung für die Mäuse.
Der Schäfer mußte dann darauf achten, daß die Schafe schon etwas anderes gefressen hatten, denn wenn sie morgens sofort reinen Klee gefressen hätten, wurden sie „dikke“ – d. h. sie bekamen Blähungen, die dann auch zum Tode führen konnten.
Ende August bis Anfang September konnte der Bock die Schafe decken. Vorher bekam er einen Böckelappen – so eine Art Schürze umgebunden, die verhinderte, daß es zu einer Vereinigung kam. Es war dann nicht tijdich – zeitig. Damit wurde verhindert, daß die Lämmer dann zu früh im Winter geboren wurden.
Die Schafe fraßen natürlich nicht die Stoppeln, sondern nur das Grün, das zwischen
den Stoppeln immer vorhanden war. Die Stoppelfelder blieben erst längere Zeit liggen
– liegen, ehe sie schallt - geschält wurden. Auch wurden die -
Höören - Hürden auch auf abgeernteten Getreidefeldern aufschlagen.
Wenn Sie dann geschält und geeggt wurden, hatte das den Zweck, die Unkrautsamen zum Keimen zu bringen, damit sie möglichst schnell aufliefen. Bei günstiger Witterung wurde dann so ein geschältes und geeggtes Feld schnell wieder grün. Das war dann auch eine willkommene Weidemöglichkeit für die Schafe.
Mit weiteren Eggen oder mit dem Unterpflügen im Herbst wurden dann diese „Unkraut-Keimlinge“ zerstört. Sie konnten dann sie im nächsten Frühjahr nicht noch einmal keimen. Eine wirksame Methode der Unkrautbekämpfung - Spritzmittel gab es damals nicht. Die
Unkrautbekämpfung geschah nur rein mechanisch. Natürlich überlebten immer noch reichlich Unkrautsamen diese Behandlung und keimten zum Ärger der Bauern erst im nächsten Frühjahr.
Die Schafe im Winter
So lange es im Herbst noch offenes Wetter war, blieb der Schäfer mit seiner Herde noch im Felde. Wenn in einem, damals milden Jahr, es möglich war, die Schafe bis Weihnachten draußen zu lassen, bekam der Schäfer von der Schäfergenossenschaft einen neuen Hut mit breier Krempe – breitem Rand. Das war damals so üblich.
War dann im Winter alles eingeschneit, blieben die Schafe im Stall. Das war meistens eine Bucht in der Scheune, die mit Stroh eingestreut war. Sie wurde in entsprechender Größe mit ein paar Höören abgeteilt. Zusätzlich wurde ein Trog und eine kleine Reipe – Raufe eingerichtet, damit die Schafe gefüttert werden konnten. Sie bekamen in der
Regel Heu, Kleihaber-Strau - Kleehafer-Stroh Runkeln – Rüben und etwas Schkrôôt – Schrot.
Damit es für die Schafe dann etwas wärmer war, wurde dann etwa in 2 m Höhe eine Hilte - „provisorische Balkenlage“ eingezogen, die mit einer Schicht Stroh abgedeckt
wurde.
Diese Bucht wurde den ganzen Winter nicht ausgemistet, sondern immer wieder mit Stroh nachgestreut. Der Mist gab dann auch einen warmen Liegeplatz für die Tiere.
Dort wurden dann etwa Ende Januar – Anfang Februar die jungen Lämmer geboren. Meistens ging das ohne menschliche Hilfe, es passierte aber auch, das so ein Lamm mal im Haamel dumpede – in der Nachgeburt erstickte. Ab und zu mußte dann der Schäfer oder der Schafhalter auch mal Geburtshelfer sein.
Die jungen Bock-Lämmer wurden kastreert -kastriert. Nur die, für die Nachzucht vorgesehenen Bocklämmer blieben ausgenommen.
Früher wurden bei allen Lämmern die Schwänze abgebunden. Dazu nahm man die Gummi-Dichtungen von den verschließbaren Bierflaschen. Diese Gummiringe wurden über den Schwanz e strippet – gestreift. Dann trocknete das übrige Schwanzende ohne weitere Schädigung ein. Das wurde gemacht, damit sich an den langen Schwänzen nicht der Kot festsetzen und eintrocknen konnte.
Oft hatten die Schafe auch Zwillinge. Wenn beide Lämmer nicht von dem Mutterschaf angenommen wurden oder es nicht genug Milch hatte, wurde das zweite Schaf mit allerhand Tricks an ein anderes Mutterschaf gewöhnt. Wenn das nicht gelang wurde das Lämmeken - Lämmlein an der Flasche groß gezogen. Das war dann das sogenannte Läppelamm. Es war dann meistens ein ganz besonderer Spaß für die Kinder, denn so ein Läppelamm war meistens der Liebling der Familie weil es besonders zahm und anhänglich war. Frau Nies hat mir erzählt, daß so ein Läppelamm dann auch gezielt mit viel Kartoffelschalen gefüttert wurde, damit es besonders schöne, weiße Wolle gab.
Winterweide:
Schafe sind im Vergleich zu Kühen recht genügsame Tiere. Wenn sie noch etwas trockenes Gras, Ginster, Spijken – aus dem Schnee herausragende, trockene Gräser oder ähnliches zu fressen finden, können sie überleben. Deshalb ist es überhaupt möglich, Schafe durch den Winter zu bringen, wenn es nicht zu hoch eingeschneit ist. Auch klägget - kratzen Schafe mit den Vorderhufen Schnee zur Seite um an etwas Freßbares zu kommen. Dann muß man aber noch zusätzlich etwas bijfooren – beifüttern. Das kann man aber auch nur ein paar Tage machen, ein zumindest überdachter und zugfreier Unterstand für die Schafe, ist dann das mindeste im Winter.
In der Regel war es in dieser Region nicht üblich im Winter mit den Schafen wegzuziehen, aber der gehbehinderte Vater von Bärbel Brücher Hespringhausen (verheiratete Wütig), hat seine Herde im Herbst in Eisenbahn-Waggons verladen und ist dann mit seinen Tieren bis an den Niederrhein gefahren. Dort in der Winterweide konnten seine Schafe überleben. Im zeitigen Frühjahr ist er dann, trotz seiner Behinderung, auf dem Landwege wieder nach Hespringhausen gezogen.
Nur wenige andere Schäfer machten das gleiche und zogen mit ihrer Herde in eine, im Winter überwiegend schneefreie Gegend. Wenn es aber sein mußte, zogen von hier aus die Schäfer dann ab Mitte bis Ende Oktober los, bis an den Niederrhein.
Heute undenkbar, aber Heinrich Römer ist in dem Winter 1951 mit einem befreundeten Schäfer und einer Gesamtherde von 1000 Tieren bis dort hin gezogen.
Die tägliche Wegstrecke waren etwa 12 bis 15 km, die eine Schafherde bewältigen konnte. Eine Schafherde muß ja auch getränkt werden. Nun gab es an der Wegstrecke nicht immer täglich eine geeignete Wasserstelle. Einen Tag können Schafe auch mal ohne Wasser auskommen. Am nächsten Tag benötigen sie aber dann unbedingt Wasser und müssen getränkt werden.
Nachts suchten sie sich die Schäfer ein Quartier bei einem Bauern. Sie mußten dann im Stall oder einer Scheune schlafen. Wenn die Familie dem Schäfer gut gesunnen - gesonnen war, bekamen sie dann morgens ein Frühstück mit warmen Kaffee. Auch für die Hunde fiel dann eine Mahlzeit ab.
Der günstigste Weg wurde dann bei den Quartiersleuten erfragt. Am nächsten Tag ging es dann gemächlich weiter, bis man in wärmeren Gefilden angekommen war.
Oft wurden die Wanderschäfer auch abgewiesen. Dann mußten sie sehen, wo sie unterkamen und was und wo sie etwas zu Essen bekamen. Wenn es sich anbot, zogen die Schäfer dann am Abend mit den Schafen in eine Fichtenschonung, warteten sie ab bis es dunkel war und sich die Schafe gelegt hatten. Solange es dunkel ist bleiben die Schafe ohne Aufsicht liegen. Dann konnten die Schäfer mit Ihren Hunden die Herde verlassen und für sich und die Hunde sorgen.. Übernachtungen in Viehhütten oder Feldscheunen waren normal. Am anderen Morgen mußten die Schäfer aber vor Tagesanbruch, wenn es noch dunkel war wieder bei Ihrer Herde sein, denn sobald es hell wird, machen sich die Schafe selbständig.
Wenn man bei einem Bauern Unterschlupf gefunden hatte, blieb Schafherde auch oft über Nacht draußen in Schweinekämpen. Das sahen dann die Bauern gern, weil der Boden durch den Schweinedung meistens übersäuert war. Der Schafsmist soll den Boden etwas neutralisieren.
In der Nacht Sylvester 1951/52 sind die beiden Schäfer mit der großen Herde über die Rheinbrücke gezogen, so erzählt Heinrich Römer. Dabei haben sie keinen Polizeischutz benötigt, weil alle Leute Sylvester feierten und damals kaum ein Auto auf der Straße war.
Dort am Niederrhein wurden dann auch die Lämmer geboren. Zu früh geborene, schwache Jungtiere wurden von den Schäfern getragen, bis sie kräftig genug waren, damit sie längere Wege selbst laufen konnten. Das Bild vom guten Hirten kommt damit wohl damit am besten zum Ausdruck.
Am Niederrhein konnten die Schäfer dann alle Wiesen und Weiden affhöön - abhüten. Die Grundbesitzer waren damit einverstanden, denn es gab eine zusätzliche kostenlose Düngung. Auch wenn mal ein bißchen Schnee fiel, war es immer so wenig, daß die Schafe noch genügend zu fressen hatten.
So ging es lange Wochen von Tag zu Tag so weiter bis man den Rückweg etwa Ende März antreten konnte.
Auf dem Rückweg, an einem normalen Wochenende, wurde Polizeischutz (auch damals schon) erforderlich, wenn die Herde über eine Rheinbrücke zurück mußte. Ebenso als sie mit der großen Schafherde den Ruhrschnellweg kreuzen mußten.
Gesundheitskontrolle / Gesundheitsvorsorge:
Wenn die Schäfer mit ihren Herden so über Land zogen, mußten sie ein Wanderbuch mit sich führen. Sobald sie in ein neues Kreisgebiet kamen mußten sie die Behörden informieren. Der zuständige Kreistierarzt kam dann jeweils zu der Herde und überprüfte den Gesundheitszustand der Tiere. In das Wanderbuch wurde das Ergebnis eingetragen:
a) das Datum der Kontrolle und b) der Zustand der Tiere, ob sie gesund waren, oder ob sie ggf. Maul- und Klauenseuche bzw. sonstige Krankheiten hatten.
In jüngerer Zeit mußten auch alle Schafe geimpft werden, bevor sie über Land ziehen durften. Auch diese Eintragungen waren im Wanderbuch notiert. In früheren Jahrhunderten sind auf diese Weise bestimmt Tierkrankheiten über das Land verteilt worden. In den alten „Articuln“ wird an einer Stelle mal das Wort „Generalsterben“ gebraucht; das wird dann wohl die Maul- und Klauenseuche gewesen sein.
Bärbel Wütig hat mir berichtet, daß die Schafe hin und wieder durch eine besondere wässerige Lösung getrieben wurden. Das war dann eine Maßnahme als Vorsorge gegen Hufkrankheiten.
Wanderschäfer - Nachrichtenübermittlung:
Man muß sich das in der heutigen Zeit einmal vorstellen.
Einen Brief an die Lieben zu Hause konnte ein Wanderschäfer wohl schreiben und bei
Gelegenheit in einen Briefkasten werfen. Aber einen Brief empfangen konnte man nur,
wenn er als „postlagernd“ an ein bestimmtes Postamt adressiert war. Dort mußten dann
die Schäfer den Brief von Ihrer Familie abholen.
Mal eben anrufen ging nicht, denn es gab zuerst keine und später nur ganz wenige
Telefone in einem Ort, die auch nach dem Krieg nicht sofort und überall funktionierten.
An Handys war überhaupt nicht zu denken.
Ob es im 17. und 18. Jahrhundert üblich war mit der Schafherde ins Rheinland zu
ziehen ist mir nicht bekannt. Aber im 19. Jahrhundert war es wohl schon üblich mit den
Schafen im Winter wegzuziehen, siehe den letzten Vers von dem nachstehenden
Klagelied. Es hat wohl den realen Hintergrund, daß damals in Rhoden große
Weideflächen aufgeforstet wurden, lt. 3. Vers.
Des Schäfers Klagelied.
Melodie: „Ach was bin ich so verlassen.“
(das Gedicht ist etwa um 1890 entstanden)
Ach es ist ein traurig Leben,
jetzt ein Schäfer noch zu sein,
denn bereits an allen Orten
ist die Weide viel zu klein.
Und die Wege hier in Rhoden,
sie sind alle viel zu eng,
Mit den best´ dressierten Hunde
Kommt man doch noch in die Klemm´.
Es ist nicht mehr durchzukommen,
es ist aus es ist vorbei,
die Rhoder großen, schönen Weiden
sind jetzt eine Försterei.
Ist die Frucht kaum eingeerntet,
wird das Land gleich umgeschält,
ob die Schafe was zu fressen,
danach fragt nicht mehr die Welt.
Stroh und Wasser ist die Nahrung,
die der Bauer dem Schafe beut´,
und nun lehrt doch die Erfahrung,
daß dies Futter bringt die Reud´.
Sonntags geh´n die Herrn spazieren,
schaun die Früchte zehnmal an,
sind die Wiesen nicht gewachsen,
ist der Schäfer Schuld daran.
Abend dann so schnell als möglich,
geht es auf die Wirshausbank,
und man wird gleich einem Sünder,
in die Finsternis verdammt.
Ist es da nun noch ein Wunder,
wenn man hier den Mut verliert,
daß man kaum nach einem Jahre,
wieder in das Rheinland zieht.
Wilhelm Pieper, Schäfer in Rhoden lebte von 1864 bis 1937 und war
der Großvater von Ludwig Schäfer.
Wolle sammeln:
Es ist heute kaum zu glauben, aber es ist Tatsache. Wenn der Schäfer mit seiner
Herde einen Weg zog, an dem Stacheldrahtzäune standen, so blieben in den Stacheln
Wollfetzen von den Schafen hängen. Diese Wollreste wurden von Kindern
eingesammelt, damit die Mutter etwas Garn davon spinnen konnte und wenn es nur ein
paar Fäden zum Stoppen – Stopfen gab.
.
Wolle zum Spinnen aufbereiten:
Nach meinen Recherchen muß es erhebliche regionale Unterschiede bezüglich der Wollbehandlung nach dem Scheren gegeben haben.
Hier zunächst die heimische Variante:
Nach der Schkôôpswäske – Schafswäsche wurde die Wolle nach dem Scheren nicht mehr gewaschen. Die natürliche Fettigkeit mußte beim Spinnen noch in der Wolle vorhanden sein, ist die Aussage der Rhoder Frauen, die ich nach der Wollverarbeitung gefragt habe.
Nach den Berichten älterer Frauen gab es zwei Arten der Wollaufbereitung bevor man sie spinnen konnte.
a) Wulle täjsen: = Wolle so mit den Fingern auseinander ziehen, daß die Plökke –
besonders verfilzten Wollknäuel auseinander ziehen, oder evtl. diese Knäuel, die zu stark verfilzt bzw. verkrustet waren, aus der Wolle herausschneiden und aussortieren.
Frau Nies: Wenn man Wolle spinnen will ohne sie zu kammen, muß man sie, wie vor
beschrieben „täjsen“
b) Wulle kammen – Wolle kämmen; wie das Wort schon aussagt wurde die Wolle gekämmt. Es kam der Wullenkammer - Wollkämmer im Winter in die Häuser und arbeitete jeweils vor Ort. Er brachte sein Handwerkszeug - die Kämme – mit. Leider habe ich noch kein Foto von solchen Kämmen machen können. Nach der Beschreibung müssen sie etwa so konstruiert gewesen sein, wie eine Hikkele – Hechel. Die Kämme wurden im Kachelofen leicht angewärmt. Der untere Kamm wurde auf einer Tischplatte befestigt und mit dem oberen Kamm wurde in Verbindung mit dem unteren Kamm gekämmt. Wenn es erforderlich war, wurde kurze und lange Wolle dürneen – durcheinander verarbeitet und ggf. die Wolle zusätzlich etwas mit Leinöl eingefettet. Das Ergebnis war dann ein schön aufgelockerter Wollstreifen, etwa wie ein dicker, breiter „Schal“; nur schön uppgeploustert - aufgeplustert. Dieser „Schal“ konnte dann versponnen werden.
Heinrich Römer konnte auch Wulle kammen – Wolle kämmen und hat in den Wintertagen in den Häusern sich damit ein Zubrot verdient.
Als Kind habe ich noch mitbekommen, daß meine Oma Wolle zum „Kammen“ außer
Haus gegeben hat. Wenn ich nicht irre, war in Scherfede ein „Wullenkammer“ Ob der das dann schon irgendwie maschinell gemacht hat, ist mir nicht bekannt. In Hallenberg
soll ein Zentrum bezüglich der Wollverarbeitung gewesen sein.
Nun die auswärtige Variante:
Bereits in Ammenhausen wurde die Wolle direkt nach dem Scheren gewaschen. (Es wäre mir lieb, wenn ich dazu konkretere Informationen bekäme)
Frau Sonntag hat mir berichtet, daß man in Siebenbürgen ebenfalls die Wolle vor dem Verspinnen gewaschen hat. Es wurde ein Stück Kernseife kleingeschnitten und in Wasser durch Kochen aufgelöst. Das Seifenwasser ließ man abkühlen. In dieser, dann lauwarmen Seifenlauge, wurde die Wolle eingeweicht und richtig durch Ribbeln - Reiben in Einzelstücken gewaschen. Dann mußte die Wolle noch mehrmals in lauwarmen Wasser gespült werden bis das Wasser klar blieb. Anschließend mußte die Wolle dann im Freien trocknen. Das Ergebnis war eine hellgelb leuchtende saubere Wolle.
Die so vorbehandelte Wolle wurde dann noch gekammt, bevor man sie verspinnen konnte.
Die natürliche Fettigkeit der Wolle muß bei der Wäsche noch weitgehend erhalten geblieben sein, denn ein Nachfetten wäre nicht erforderlich gewesen, weil sich die Wolle dann auch noch gut verspinnen ließ
Graue Wolle herstellen
Wolle wird in der Regel erst gefärbt, wenn sie zu Garn gesponnen ist. Frau Nies hat mir aber berichtet, daß man graue Wolle herstellen konnte in dem man Wolle von schwarzen und weißen Schafen dürneen kammede – durcheinander kämmte. Das Ergebnis war eine Graufärbung der gesamten Wolle. Geschick und Erfahrung gehörten, wie immer bei Handarbeiten, auch hier dazu.
Wolle spinnen
Dou spinns ge - Du spinnst ja, sagt man so leicht dahin wenn man z. B. einen etwas sonderbaren Vorschlag ablehnt, und denkt sich nichts, bei dieser heute doch etwas abwertenden Aussage.
Wenn der gleiche Satz noch vor 60 Jahren einem Kind oder jungem Mädchen gesagt worden wäre, hätte die Mutter damit ihre Anerkennung und Bewunderung ihrem Nachwuchs gegenüber zum Ausdruck gebracht. (ein Beispiel wie sich Sprache im Laufe der Zeit wandelt)
„Usse Määken gitt sik ant Spinnen – unser Mädchen gibt sich ans Spinnen.
Lt. Fritz Hübel gab es folgendes Sprichwort in Rhoden:
„Spinnen is bloos ne kleenen Gewinn; bôô et ni gechküjt, met balle süjt“. –
„Spinnen ist nur ein kleiner Gewinn; wo es nicht geschieht, man es bald sieht“.
Diese Aussage galt sowohl für das Flachs- als auch für das Wollespinnen. Ohne diese Vorarbeit konnte man weder Weben noch Stricken. Die Herstellung eigener Stoffe oder Stricksachen war damit nicht möglich. In der Konsequenz hatte man nichts Warmes anzuziehen. Geld war damals immer knapp; man konnte deshalb kaum etwas keipen – kaufen und in Kriegs- und Nachkriegszeiten gab es auch nichts an Kleidung zu kaufen.
Das eigentliche Spinnen kann ich als Mann schlecht beschreiben, da ich es nicht selbst
gemacht habe. Vom tookukken – zugucken bei der Oma / Mutter und bei dem Spinnstuben-Nachmittag in Wethen am 17. Februar 2001 kann ich nur sagen, es kommt darauf an, daß man die Wolle am Spinnrad so fein und egal auseinander zieht, damit sich ein Faden von gleichmäßiger Dicke eindreht, der sich dann auf die Spule des Spinnrads aufwickelt.
Anmerkung:
Es gibt die Bezeichnung „Kammgarn“, das ist Garn, das aus langer gekämmter Wolle hergestellt wurde. Es ist also eine Qualitätsbezeichnung.
Die nicht so bekannte Bezeichnung Streichgarn“ sagt aus, daß für dieses Garn Wolle
mit kurzen Fasern (Streich- bzw. Reißwolle) verwendet wurde.
Gôôren haspeln – Garn haspeln
Meine Mutter, eine vorsorgende und tüchtige Hausfrau, hat im Winter jeden Abend gesponnen oder gestrickt. Wenn eine Spoole – Spule voll war, war es meine Arbeit, datt Gôôren upptoohaspelne - das Garn aufzuhaspeln. Der Haspel war ein Gerät aus Holz gefertigt, und diente dazu das gesponnene Garn von der Spinnradspule zu "Binten"
aufzuwickeln. Ein „Bint“ waren 60 Haspelumdrehungen. Der Haspel war deshalb mit einem Zählwerk für 60 Umdrehungen ausgestattet. Et knakkede dann wänn me sächzech Ümmedräggungen vull hadde – es knackte dann, wenn man die 60 Umdrehungen voll hatte.
Danach wurden jeweils die umlaufenden, aufgewickelten Fäden zusammengebunden. (deshalb der Name „Bint“) 20 Binte waren dann „Een Stücke Gôôren“ - ein Stücke
Garn. Um mal eine Vorstellung von so ehemaligen alten Maßen und Mengen zu bekommen, seien folgende Daten angefügt:
Haspel-Abmessungen:
Halbmesser = 38 bis 39 cm
Breite der Wickelmöglichkeit auf dem Haspel = ca. 14 cm (mit meistens 10 Bint).
Haspelarme waren im Winkel-Abstand von 60°, in der Nabe befestigt;
(der Halbmesser ist gleich der Garnlänge von Haspelarm zu Haspelarm bei einer
Winkelteilung 360° : 6 = 60°)
demnach ergibt sich der Haspel-Umfang (38 bis 39 cm) mal 6 = mit etwa 2,31 m
Gesamtlänge Garn von einem Bint bei 60 Umdrehungen = ca. 140 m
Gesamtlänge Garn von einem Stücke bei 20 Bint = ca. 2800 m
Melierdet Gôôren – zweifarbiges Garn herstellen
Wollte man einen zweifarbigen Faam – Faden haben, so mußten zwei, ggf. auch drei
Fäden unterschiedlicher Farbe zusammengedreht werden.
Soweit mir bekannt ist, wurden die Spulen der unterschiedlichen Fääme – Fäden auf
senkrecht angeordnete Pinne oder Nägel gesteckt, damit sich die Fäden lichte
affspoolen leeten - leicht abspulen ließen.
Beide (oder ggf. drei) Fäden wurden dann zusammen von Spulen mit Hilfe des
Spinnrads zusammengedreht. Man trat das Spinnrad und ließ den Doppel- ggf. auch
Dreifachfaden auf die Spule laufen. Der Faden mußte natürlich etwas annehallen -
angehalten werden, damit er nicht zu schnell einzog und somit nicht genügend „verdrillt“
wurde. Das Ergebnis war ein aus zwei / drei Fäden unterschiedlicher Färbung
zusammengedrehter stärkerer Faden. (habe ich das so richtig beschrieben ?) Solches
meliertes Garn wurde dann meistens zum Strümpfestricken verwendet, denn bei
Strümpfen wird der Wollfaden an den Druck- und Scheuerstellten (Ferse und Ballen)
am stärksten belastet.
Färben:
Anmerkung: Die Aussagen über das Färben können nicht vollständig sein, weil die
gebräuchlichsten Rezepte, die in der Regel nur mündlich weiter gegeben wurden. Ebenso haben
die Färber ihre Rezepte, die Betriebsgeheimnis waren, meistens nicht aufgeschrieben. Mit der
wissenschaftlichen Erforschung der Färbemethoden und der Einführung von industriellen
Färbereien wurde in den Haushalten nicht mehr selbst gefärbt. So ging das Wissen um die Kunst
des Färbens mit der Zeit verloren.
Nachstehend sind die Aussagen von Frau Krömer, Frau Traudel Müller, Frau Luise Nies
und Frau Sonntag notiert. Zusätzlich sind einige Daten aus Nachschlagewerken
übernommen. So ergibt sich ein einigermaßen abgerundetes, aber keineswegs
vollständiges Bild bezüglich der Färberei als Volkskunst.
Allgemeines:
Bevor unsere Vorfahren die Möglichkeit hatten, in ein Geschäft zu gehen und
chemische Färbemittel zu kaufen, konnten sie nur mit der Wolle von „schwarzen und
weißen Schafen“ eine unterschiedliche Färbung oder Musterung von Wollsachen
herstellen.
Weil das dem damaligen Schönheitssinn nicht genügte, versuchte man schon früh mit
Naturfarbstoffen Stoffe selbst zu färben. Die ersten Färbeversuche sind bereits lange
vor der Zeitenwende aus China überliefert. Um die Zeitenwende wird berichtet, daß Rot
und Purpur Luxusfarben waren, die nur Kaisern und Königen vorbehalten waren. Zum
ausgehenden Mittelalter gab es schon einen ausgedehnten Handel mit Farbstoffen. Die
Farb-Grundstoffe wurden dann von Pflanzen aus Gegenden benutzt, die hier nicht
wachsen, z. B. Indigo. In der neueren Zeit wurden dann die Rezepte mehr und mehr
verfeinert und zuletzt nur noch industriell hergestellt.
Nach Gebrauchsanweisung einen Stoff oder Garn zu färben ist gerät meistens auf
Anhieb; ist also kein großes Kunststück. Aber mit Naturfarbstoffen zu färben, dazu
gehörte schon etwas mehr Erfahrung. Dazu kam, daß solche Färberezepte auch oft
geheim gehalten wurden. Die Färber hatten sich zu einer eigenen Zunft
zusammengeschlossen und waren bestrebt, ihre eigenen Geschäftsinteressen zu
wahren. Findige Leute der älteren Generationen haben dennoch ihre eigenen Rezepte
zum Färben entwickelt, die heute fast total in Vergessenheit geraten sind.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß im Arbeitskreis Plattdeutsch mir keiner
etwas über Naturfärb-Methoden sagen konnte.
Die Rettung war, wie so oft, Frau Nies befragen. Die hat noch selbst gefärbt und mir
folgende Rezepte aus dem Gedächtnis zitiert:
Man färbte nicht die rohe Wolle, sondern immer das gesponnene Garn wie es, in
„Binten“ zusammengebunden, vom Haspel kam.
Das Garn wurde gewaschen, damit der natürliche Fettgehalt entfernt wird und statt
dessen die Farbe in die Faser / das Haar eindringen konnte.
Grünfärben: Frisch getriebene Fichtenspitzen, eine Hand voll Gras und Schnittlauch abschneiden und in einem größeren Topf mit Wasser geben. Das ganze mit einem Schuß Essig zu einem Sud aufkochen und über Nacht stehen lassen. Am nächsten Tag das Wollgarn hineingeben und mit dem Garn wieder erhitzen – d. h. zum Kochen bringen. Wichtig ist an dieser Stelle, daß die Farbbrühe mit dem Garn nicht gerührt oder sonst wie bewegt wird, den dann verfilzt die Wolle. Die Farbbrühe mit dem Färbe-Inhalt abkühlen lassen und wieder über Nacht stehen lassen damit die Natur-Farbstoffe lange genug einwirken können. Am folgenden Tag das gefärbte Garn klar spülen und zum Schluß in Essigwasser spülen und trocknen lassen.
Braunfärben: Im Herbst genügend der weichen, noch grünen Walnuß-Schalen sammeln, Kastanienblätter und Kastanienschalen ohne Inhalt dazu geben. Den Sud mit Essig kochen und das eigentliche Färben wie vor beschrieben ausführen. Frau Minchen Sinemus (Haasenjôôpekes) wußte noch von ihrer Oma, daß sie mit Eichenrinde gefärbt hatte. Der Färbvorgang wird so ähnlich, wie zuvor beschrieben, gewesen sein.
Frau Sonntag, die in Siebenbürgen noch selbst gefärbt hat, hat mir folgende
Färbe-Rezepte verraten:
Sie konnte den Färbevorgang noch detailierter beschreiben. Dort hat man nur die grünen Walnuß-Schalen zum Braunfärben benutzt. Man hat sie gesammelt und getrocknet. Wollte man färben, so wurden sie zum Einweichen in Wasser gegeben und anschließend gekocht. Die abgekühlte Brühe wurde dann gesiebt, damit man den Färbesud „sauber und frei von Schalenresten“ bekam. Diese hätten sich sonst in den Wollfäden verfangen.
Um zu testen, wie die Färbe-Wirkung war, machte man eine Probe. Man goß einen Teil
Wasser und einen Teil Färbe-Brühe zusammen und hielt ein paar Wollfäden in den
Sud. Je nach dem, ob man die Farbintensität heller oder dunkler haben wollte, gab man
dann der Färbe-Brühe Wasser oder Sud zu. Stimmte der gewünschte Farbton, konnte
das eigentliche Färben beginnen. Die zu „Binten“ zusammengebundenen Wollfäden
wurden mit Schlaufen an einem Stock befestigt und in klares Wasser getaucht, damit
die Fäden alle gleichmäßig feucht wurden. Man erreichte so anschließend eine
gleichmäßige Färbung der Wollfasern.
Das Garn, das an dem Stock angebunden war, konnte man in den Sud halten, indem
man den Stock über das Färbegefäß legte, ohne selbst in die Brühe zu fassen. Dann
wurde die Farbbrühe wieder erhitzt; sie durfte aber - lt. Frau Sonntag - nicht kochen.
War der Topf mit Inhalt genügend abgekühlt, nahm man die Wolle mit dem Stock und
spülte das Garn mehrmals in lauwarmen Wasser. Beim letzten Spülvorgang gab man
dann dem Spülwasser einen kräftigen Schuß Essig bei, damit konnte die Farbe in den
Wollfasern nicht mehr ausgewaschen werden. Die gefärbte Wolle war farbecht.
Grau- bis Schwarzfärben
In Siebenbürgen, so erzählt Frau Sonntag, nahm man für diese Farbe Erlenrinde. Der Färbevorgang und die Einstellung der Farbintensität wurde wie vor beschrieben, gehandhabt.
Nach den Beschreibungen in Büchern müssen die Farbstoffe in den Fasern fixiert werden. Das erreicht man mittels einer Beize. Bei den vor beschriebenen Färbe-Rezepten wurde nur Essigwasser als Fixiermittel genommen.
Zum Färben geeignete Pflanzen:
Die wichtigsten heimischen Pflanzen, die man zum Färben nehmen kann:
Mädchenauge, Schnurbaum, Goldrute, Maiglöckchen, Liguster, Wilde Möhre,
Rhododendron, Blutholz, Zwiebel, Flohknöterich, Tagetes, Kermesbeere, Tabak,
Eicheln, Ackerschachtelhalm, Ampfer, Apfelbaumblätter, Bärentraube, Beifuß,
Brennessel, Frauenmantel, Geißfuß, Grundefeu, Heidekraut, Hopfen, Johanniskraut,
roter Wiesenklee, Königsfarn, kleinblütige Köningskerze, Rainfarn, Roßkastanie, roter
Sonnenhut, Schafgarbe, Blätter der Stieleiche, Färberginster, Färberwaid usw.
Färberwaid wurde in 49 Thüringer Dörfern bis 1912 angebaut. Frau Annemarie
Sadowski – Museumsverein Mengeringhausen hat diese Pflanze neu angebaut. (Artikel
vom 8.5.2004 in der HNA) Färberwaid wurde durch die kostengünstigere Indigo-Farbe
verdrängt.
Außerdem gibt es noch ausreichend außereuropäische Pflanzen, die Farbstoff liefern.
Z. B. Kermes, Krapp, Alkana, Rotholz für rötliche Farben.
Wau, Gebholz, Kurkuma, Faulbaumrinde für gelbliche Farben.
Indigo = der älteste bekannte blaue Farbstoff.
Je nach dem, welche Pflanzen man nimmt, eignen sich nur bestimmte Beiz- oder
Fixiermittel. Dazu sollte man unbedingt getestete und empfohlene Rezepte aus Büchern
beachten damit man die Chemikalien richtig und vor allen dingen nicht gesundheits-
bzw. umweltschädigend anwendet.
Die gebräuchlichsten Fixiermittel waren bzw. sind Alaun, Kupfervitriol, Kaliumdichromat
und Eisenvitriol usw.
Anmerkungen:
∙ Je nach der Zusammensetzung der einzelnen Komponenten von den Naturfarbstoffen
und der zeitlichen Farbeinwirkung und die Farbdichte vom Sud, wurden die gefärbten
Sachen mehr oder weniger farbintensiv. Auch hat das Material der Färbe-Behälter
Einfluß auf das Färbe-Ergebnis. Gibt man den gleichen Färbesud in einen Eisen- oder
Kupferkessel, nimmt die Wolle ganz unterschiedliche Farben an. Weiter ist es eine
Besonderheit der Naturfarbstoffe, daß sie alle farblich miteinander harmonieren. De
Farben bijtet sik ni – die Farben beißen sich nicht, sagten da die Hausfrauen.
∙ Aufgrund meiner Anfrage im Anzeiger „Die Diemelstadt“ Nr. 6/2004 hat mir
dankenswerterweise Traudel Müller ein Buch mit dem Titel „Wolle färben mit
Naturfarben“ von der Holländerin „Iet van de Vrande“, verlegt von dem Otto Maier
Verlag Ravensburg – (ISBN 3-473-42554-0) zur Verfügung gestellt. Das Buch hat 142
Seiten und beschäftigt sich nur mit „Woll-Naturfärbe-Methoden“ für den Hausgebrauch.
Färber war ja früher ein besonderer Beruf, der viel Fachwissen und Erfahrung zur
Grundlage hatte. Wer dazu heute mehr Spezialwissen haben möchte, kann sich dieses
Buch besorgen – wer in dem Buch liest und blättert, für den tut sich ein „ganz neues
Fenster“ auf. Es werden dort alle Pflanzen und Chemikalien sowie deren Anwendung
beim Färben beschrieben. Zu diesem Thema möchte ich es deshalb mit den vor
beschriebenen Färberezepten, bewenden lassen.
Gôôren uppwickeln – Garn aufwickeln
Man konnte nun nicht das Garn so einfach von einem Bint verstricken; der Faden wäre
dann sofort durcheinander geraten. Der Faden mußte also orre Kluggeln – als Knäul
aufgewickelt werden. Wenn die Hausfrau allein war, wurden zwei Stühle mit den
Lehnen gegeneinander gestellt, das Bint Garn um die Stuhllehnen gelegt und die Stühle
soweit von einander abgerückt, daß das Garn leicht angezogen war. Dann nahm man
ein Stück zerknüllte Zeitung und wickelte den Faden als Kern auf dieses Papier.
Der Nachteil war, daß man dabei mit dem aufzuwickelnden Knäul immer entsprechend
dem Fadenverlauf über den Lehnen wickeln mußte; man mußte also stehend arbeiten.
Als Kinder mußten wir der Mutter die Arbeit erleichtern, indem wir so ein Bint mit
ausgestreckten Armen über beide Hände, „leicht angezogen“, halten mußten. Die
Mutter konnte sich dann setzen und das Knäul aufwickeln und als Kind mußte man
dann mit dem abgehenden Fadenverlauf, die Arme so hin und her bewegen, daß sich
der Faden leicht von den Händen abziehen ließ. Natürlich gab es dann Schkengge –
Schimpfe, wenn man das nicht ordentlich machte. Erst wenn man dann genügend
solcher Kluggeln – Knäule hatte, konnten die Hausfrau, Oma oder Tante mit dem
Stricken beginnen.
Stricken
Man nahm das selbst gesponnene Wollgarn, das dann auch ggf., wie vor beschrieben,
gefärbt sein konnte. (fertig gefärbtes Wollgarn konnte man erst in jüngerer Zeit kaufen)
Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer, etwas konkretes über das Stricken zu schreiben.
Allerdings hatte sich meine Mutter eine Strickmaschine gekauft, Knittax war die Firmen-
oder Typenbezeichnung von dem Ding. Nun wurde ich während der Lehrzeit, wenn man
im Winter arbeitslos war, von meiner Mutter zur Hilfe gerufen, wenn sie mit dem Gerät
mal wieder nicht zurecht kam. So konnte ich dann mit der Zeit mit der Strickmaschine
besser umgehen, als sie selbst. Das beschränkte sich aber allein auf die Bedienung des
Geräts, denn ich wußte nicht wieviel Maschen für ein bestimmtes Teil erforderlich waren
und wann man auf- oder abnehmen mußte. So haben wir damals im Team die ganze
Familie „bestrickt“.
Mit Strikkelstökken – wörtlich Strickstökken = Stricknadeln stricken habe ich nicht gelernt, aber man hat dann doch so einige Begriffe mitbekommen, die nachstehend
aufgelistet sind:
Uppnimmen – aufnehmen = die erforderlichen Anzahl Môôsken – Maschen aufnehmen,
damit sich die gewünschte Breite des Strickteils ergibt oder während das Teil gestrickt
wird, damit es entsprechend verbreitert wird.
Affnimmen – abnehmen während das Teil gestrickt wird, damit es entsprechend
schmaler wird.
Affstrikken – abstricken z. B. bei Strumpfspitzen
Toostrikken – zustricken , wenn eine grade Kante beendet wird.
Fijsse strikken – Ferse stricken = Käppeken - Kappe stricken
Zwee rächts, twee links – zwei rechts, zwei links stricken, oder nur rechts stricken.
Môôske fallen lôôten – Masche fallen lassen; aus Versehen oder absichtlich, wenn Lochmuster gestrickt werden.
Zu den Strickarten und –mustern, die man von Hand alle hervorzaubern kann, will ich mich nicht weiter äußern. Es ist eben eine besondere Kunstfertigkeit, die in unserer
modernen, schnell-lebigen Zeit immer mehr verloren geht. Ich glaube die Frauen die heute noch Handarbeiten herstellen und stricken, sind ruhig und in sich ausgeglichen. Es war auch immer eine besondere Gemütlichkeit im Zimmer, wenn man das leise Klicken der Stricknadeln hörte, wenn die Mutter strickte und auch oft dazu Volkslieder gesungen hat.
Früher wurde Handarbeit für Mädchen in der Schule unterrichtet – Strickstunde nannte man den Unterricht. Es war unbedingt notwendig – im wahrsten Sinne des Wortes: „Not zu wenden, oder besser Not abzuwenden“ – daß ein junges Mädchen stricken konnte und damit in der Lage war, warme Kleidungsstücke für sich und später für die Familie, selbst herzustellen.
Passende Lieder zum Thema:
Des Schäfers Klagelied habe ich schon an passender Stelle in diesem Bericht eingefügt. Es gibt aber noch ein ganz Menge anderer Lieder, die sich auf den Schäfer mit seiner Herde beziehen. Nachstehend einige davon:
• Des Schäfers Sonntagslied ...
• An dem reinsten Frühlingsmorgen ...
• Wer hat die schönsten Schäfchen ...
• Schäfer sag, wo tust du weiden ... so beginnt der 1. Vers. Später heißt es:
Schäfer sag, wann fährst in´ Klee – wenn ich keinen Bauern sehe
Wenn ich keinen Bauern sehe, fahr ich hurtig in den Klee.
(Aus dem Text kann man auch schließen, daß sich Schäfer und Bauern auch nicht
immer ganz „grün“ waren).
• Spinn, spinn, mein liebe Tochter, ich kauf´ dir .....
• Oder das alte Spinnrad:
Wenn in Großmutters Stübchen ganz leise
surrt das Spinnrad am alten Kamin,
hör ich längst schon entschwundene Weisen
wie im Traum durch die Dämmerung ziehn.
Dann erwacht die alte Zeit, die längst entschwunden,
Kindertage und der erste Liebe Glück,
Altes Spinnrad, ach bring´ mir die Stunden
Meiner Jugend noch einmal zurück.
Schlußbemerkung:
Der Beruf des Schäfers war in den vergangenen Jahrhunderten sehr geachtet.
Leute, die mit Leib und Seele Schäfer waren, hätten mit keinem anderen Beruf tauschen wollen. Sie lebten mit dem natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten und waren meistens in der freien Natur. Sie lebten gesund, hatten keinen Streß, beobachteten die Natur; Sie liebten und kannten Ihre Hunde und Schafe und die wiederum kannten die Stimme ihres Herrn und gehorchten ihm.
Ein Sinnbild des Friedens und der romantischen Natürlichkeit war es, wenn man eine Schafherde mit Ihrem Schäfer sah.
Schafherden in der Landschaft trugen dazu bei, daß sich unsere Kulturlandschaft auf
natürliche Weise erhalten hat bzw. sich entwickeln konnte. Die floristische und faunistische Artenvielfalt ist so über lange Zeit erhalten geblieben.
Mit diesem Bericht habe ich versucht, die rauhe Wirklichkeit in den damals sehr armen Zeit zu erfassen. Manches bedarf sicher noch der Korrektur bzw. Ergänzung.
So ist z. B. der Beruf des Wollwebers ist nicht beschrieben. (in Korbach gibt es einen
Wolweberturm)
Auch habe ich bisher keine Informationen über das Gerben von Schafsfellen erhalten. Der alte Schäfer Varlemann aus Ammenhausen hatte im Winter immer einen warmen Schafsfell-Mantel an. Es wäre auch interessant, wenn man über die Herstellung eines solchen Kleidungsstückes in allen Einzelheiten berichten könnte. Aber wen kann man noch fragen ?
Ich hoffe, daß es mir das einigermaßen gelungen ist, ein realistisches Bild zu zeichnen.
Wenn man sich heute einen Pullover kauft und anzieht, macht man sich überhaupt keine Gedanken mehr, welcher Arbeitsaufwand früher erforderlich war, bis man ein solches, selbst gefertigtes Teil anziehen konnte.
Man kann nur hoffen und wünschen, daß die Zeiten so bleiben, wie sie heute noch sind. Wohl denen, die sich durch Selbsthilfe versorgen können, wenn wirklich noch einmal ärmliche und schlechtere Bedingungen das Leben in unserem Land prägen sollten.
Zum Abschluß noch ein Gedicht von dem Vorsitzenden des Hessischen Schafzuchtverbandes, Friedrich Vollbracht:
Schäfer - Zeit
Über die Fluren, an denen wir hangen
Sind Hirten mit ihren Herden seit Jahrhunderten gegangen.
Haben Schafe behütet – Tiere gepflegt,
haben sich in Gottes Schöpfung bewegt.
Sie spürten den Atem vom Werden und Vergehen
Und hatten das Wissen um „die Zeit zum Leben“.
Ihr Schaffen mahnt uns zu mutigem Sinn.
Für die Zeit, wie sie auch kommt – sie sei ein Gewinn.
Zum Diskussionsforum für diesen Beitrag
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